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Veröffentlicht am: Januar 2nd, 2021 | durch Florian Puschke

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Punk Rock in Österreich: Eine Szene im Aufbruch

Marco Pogo ist Frontmann und Aushängeschild der österreichischen Mundart Punk Rock Band „Turbobier“. Dass er 2020 mit seiner „Bier Partei“ bei den Kommunalwahlen in Wien angetreten ist und auf Anhieb Bezirksrat wurde, ist das nach Außen hin wohl sichtbarste Zeichen einer lebendigen Punk Rock Szene in Österreich. Andere Initiativen, wie das Plattenlabel Sbäm von Stefan Beham aus Linz sind über die Grenzen Österreichs hinaus auch in Deutschland oder den USA bekannt. Im Folgenden Artikel möchten wir Euch einen Überblick über die Punk Rock Szene in Österreich geben und die wichtigsten Player und Eckpfeiler vorstellen.

Wurzeln des Punk in Österreich
Die Wurzeln des Punk Rock in Ö. reichen zurück bis in die späten 1970-Jahre, wo Bands wie Chuzpe oder Die Böslinge angefangen haben, Musik wie sie von den Sex Pistols, Ramones & Co populär gemacht wurde, auch in Österreich und vor allem in Wien zu spielen. Dabei sind diese Bands nicht nur von historischem Wert:
Die Geschichte dieser Wiener Szene in den 1970ern und 1980ern wurde 2018 in der Doku „Es ist zum scheissn“ festgehalten. Das ist ein weiteres Indiz für das anhaltende Interesse junger Künstler*innen (oder Filmemacher) an einer Jugendkultur, die seit 50 Jahren von unterschiedlichen Generationen immer wieder neu interpretiert wird. Zudem werden Original-Aufnahmen und legendäre Alben dieser frühen Bands mittlerweile von kleinen Vinyl-Plattenlabels, wie zum Beispiel Bachelor Records (bachelorrecords.com) in Kleinauflagen wiederaufgelegt und für Sammler und historisch interessierte Fans herausgebracht.

Anno 2021
Doch kommen wir in die Gegenwart. Bands wie die oben erwähnten Turbobier oder die 90ies-Punk Rock Band 3 Feet Smaller, die in Deutschland popluären Missstand oder ASTPAI sind fest etablierte Größen in Österreich. In den letzten Jahren hat sich zudem um den Linzer Grafiker Stefan Beham ein international anerkanntes Plattenlabel (Sbäm Records) und eine aktive Szene mit unzähligen lokalen Bands entwickelt. Stefan Beham ist Grafiker und hat sich einen Namen in der internationalen Szene gemacht, indem er für namhafte US-amerikanische Bands wie NOFX, No Use for a Name, Propagandhi Poster und Plattencover entworfen hat. Mittlerweile hat Stefan internationale Bands wie Not On Tour, Pulley oder Bad Cop Bad Cop unter Vertrag und fördert lokale Acts aus Österreich und Deutschland, wie Swallow’s Rose aus Niederbayern, die Clue Grew aus Salzburg oder die Nachwuchs-Band Mudfight aus Gmunden in Oberösterreich.
Das zeigt auch die Bandbreite der Ansätze mit denen Punk Rock anno 2021 interpretiert wird. Von englischsprachigen Punk mit sozialkritischen Texten (Swallow’s Rose), über „Mundart-Punk“ im Pongauer Dialekt (Glue Crew) bis hin zum Retro-90ies Sound (Mudfight) gibt es mittlerweile die unterschiedlichsten Interpretationen von Punk Rock auch in Österreich. Die Szene ist divers. Die unterschiedilchen Ausprägungen des Punk Rock existieren jedoch nebeneinander und auf Festivals und gemeinsamen Konzerten trifft man sich.


Marco Pogo

Gründe für den Aufschwung
Doch was sind die Gründe für den Aufschwung und das Wiedererstarken einer Szene und Musikrichtung, die über 50 Jahre alt ist? Zum Einen kommt da die technologische Entwicklung zum Tragen, die das Produzieren, aber auch das Verbreiten von Musik über Social Media enorm erleichtert hat. Dies ermöglicht es vor allem jungen und noch nicht etablierten Bands auch ohne Plattenlabel auf sich aufmerksam zu machen und sich untereinander zu vernetzen.
In Wien ist so aus unzähligen kleinen Bands in den letzten Jahren ein eigenes Netzwerk in sozialen Medien entstanden, dass sich in Facebook Gruppen und über Social Media austauscht und organisiert. Booking Agenturen wie NoBack Booking oder Musicjunky Booking rekrutieren ihre Bands über soziale Medien um gemeinsame Konzerte zu organisieren. Diese finden nach wie vor in etablierten Clubs, wie der Arena Wien, B72, Chelsea, dem Café Carina oder dem Viper Room statt, aber für die Organisation derselben und für die Vernetzung in der Szene sind die sozialen Medien essentiell und nicht mehr wegzudenken.
Dazu kommt, dass etablierte und vielversprechende Bands auf nationaler Ebene unterstützt werden im Falle von Punk Rock unter anderem durch Bandwettbewerbe von Radiosendern wie Radio 88,6. Dies geschieht nicht zuletzt auch deshalb, weil Musik aus Österreich in den letzten Jahren durch den Erfolg von Bands wie Wanda oder Bilderbuch allgemein einen Aufschwung erlebt hat. Man nimmt inzwischen war, dass es talentierte Künstler*innen gibt, auch jenseits von volkstümlichen Schlagern und Pop-Interpreten wie Andreas Gabalier oder DJ Ötzi. Es ist wieder chic lokale alternative Musik zu hören.

Corona: Rückschlag oder Chance
Die Corona-Krise könnte man meinen sollte einen Rückschlag für diese Bemühungen und den daraus resultierenden Aufschwung einer Szene bedeuten. Es gibt aber wider Erwarten Anzeichen dafür, dass diese Krise auch Chancen bietet, die von den Bands und Labels auch aktiv genutzt werden.
So hat zum Beispiel Sbäm Records mit Beginn der Krise im Frühjahr 2020 begonnen Live-Konzerte mit lokalen und internationalen Acts über Facebook zu organisieren. Dadurch hat sich die Fanbase des Labels auch international erweitert und der Bekanntheitsgrad ist gestiegen. Die Wiener Szene vernetzt sich zunehmend online und durch den Lockdown bleibt dann vielen Bands auch mehr Zeit um sich der eigenen Musik zu widmen, angefangen von der Aufnahme bis hin zur Produktion von Videos und der Öffentlichkeitsarbeit online.
Die eingangs erwähnten Turbobier haben die Corona-bedingte Konzertpause dazu genutzt ihre eigene politische Partei zu gründen und bei Wahlen in Wien anzutreten. Auch dies kann als kreativer Umgang mit der Krise gewertet werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Die Szene lebt und war in Österreich vermutlich noch nie so aktiv, produktiv aber auch so divers wie heute. Damit bleibt zu hoffen, dass die Bands und Labels ihren Bekanntheitsgrad auch über nationale Grenzen hinweg erweitern können und wir Fans 2021 dann vielleicht auch einmal die Alpenrepublik besuchen und wieder Live Konzerte erleben dürfen.


Stefan Beham


Eine Auswahl: 10 Bands, die man kennen sollte

Petrol Girls: Feministischer und politischer Post-Hardcore/Punk. Gegründet in London mit internationaler Besetzung, operieren zur Zeit von Österreich aus. Themen der Songs sind Freiheit, Kapitalismuskritik und Feminismus.

Turbobier: Der Name ist Programm. Hier gehts um schnelle Musik und Alkohol. Die Enkel von Alkbottle haben das Rad nicht neu erfunden, aber wissen sich in Szene zu setzen und haben ihre eigene politische Partei: die Bier-Partei.

3 Feet Smaller: Bekannt in Österreich seit den 1990ern und immer noch aktiv in der Szene. Spielen 90ies-Punk Rock a la Blink 182, The Offspring und Co. Gingen mittlerweile in das Bandprojekt Last Band Standing über.

Glue Crew: Origineller „Mundart-Punk“ mit Ska-, Rap und Austropop-Einflüssen aus dem Salzburger Pongau. Fast jeder Song hat Hitpotential und Texte zum Mitschreien.

Fat Chester: Gegründet 2016 und Finalisten des Radio 88,6 Bandwettbewerbs im Jahr 2020 mit melodischem, gerad-linigem Skatepunk.

Missstand: Antifa-Punk aus Kärnten. Wurden dem Autor von ZSK empfohlen. Sind dank jahrelanger Tourtätigkeit in Deutschland zum Teil noch populärer als in Österreich.

Mudfight: Nachwuchs-Band aus Gmunden in Oberösterreich mit in Anbetracht des Alters der Protagonisten erstaunlichem Sound. Bei Sbäm Records unter Vertrag. Klingt wie Green Day anno 1992. Plattenrezension: toughmagazine.de/cd-reviews/mudfight-safe-zone

Here for a Reason: Pop-Punk à la Blink 182 & New Found Glory aus Wien.

Discorrected: Solider Punk Rock. Newcomer der Wiener Punk Rock Szene rund um NoBack Booking, Musicjunky Booking und Bands wie Here for a Reason, Far From Autumn, We are Infinite, Rebell Bagatell, u.a. Plattenrezension: toughmagazine.de/cd-reviews/discorrected-demontape

Iron Snag Joe: Rotziger Deutsch-Partypunk seit 2004. Laut Eigenzuschreibung „Prädikat: Wertlos!!!“. Live Konzerte sind ein Erlebnis!


Ankündigung: Dieser Artikel ist der Auftakt zu einer mehrteiligen Serie über die österreichische Punk Rock Szene im Tough Magazine. In den nächsten Wochen und Monaten wollen wir diese mit Bandportraits und Interviews fortsetzen.

Zum Autor: Chris Camp lebt in Wien und hört Punk Rock seit 1994. Derzeit spielt er Bass bei Discorrected, plant trotz Corona-Krise das „Pirates Days – Austrian Punk Rock-Festival“ und ist Gründer von piratesweb.art

Special von Chris Camp

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