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Neues aus der Couchzone

Veröffentlicht am: Mai 17th, 2022 | durch Florian Puschke

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Mai 2022: Rock’n’Rollbretter

Der erste Satz ist bei einer Kolumne immer der schwerste. Puh, done.

Ganz ehrlich, schon seit drei Tagen drück‘ ich mich vor ihm. Und weil ich aber die Kolumne unbedingt fertig stellen wollte, bevor ich mit was anderem beginne, liege ich jetzt seit drei Tagen nutzlos im Bett. Kein Jogging, keine Dusche.

Am nächsten kam ich meinem Ziel, als ich ein Selfie von mir knipste, wie ich vorm Laptop saß, während ich angeblich die Kolumne schrieb. Damit war dann leider mein kreatives Hoch bereits wieder ausgereizt und ich fiel zurück in meine Schwermutstarre.

Doch das muss dringend sofort ein Ende haben, darum tippte ich soeben vorliegende Zeilen in den Rechner, denn nun ist ein Anfang geschafft. Nun kann ich mir erleichtert auf die Schulter klopfen, und schnell erst noch ein Eis zur Belohnung kaufen, bevor ich vielleicht weiter schreibe.

Bis gleich.

So, bin wieder zurück. Das Eis war lecker, vielen Dank. Wir haben es kurz nach neun Uhr, aber noch scheint die Sonne und viele Menschen flanieren luftig gewandet den Deich entlang. Natürlich konnte ich beim Eislecken auch einige JoggerInnen bewundern, was meinen Schweinehund leicht zum Winseln brachte, doch ein gut gewähltes Zweiteis brachte ihn zum desinteressierten Dösen, und schläfrige Schweinehunde soll man bekanntlich lieber nicht wecken, aus Gründen, die es gibt, mir aber gerade entfallen sind, doch ich erinnere mich genau, dass sie sehr triftig sind.

Neben Dauerläufern und Spaziergängern, bevölkerte auch eine Gruppe Punks die Deichstufen, trank Oettinger und lauschte andächtig den zarten Weisen von „Team Scheiße“, was beides enorm für ihren guten Geschmack spricht.

Ich weiß, viele Menschen rümpfen die Nasen, wenn sie ein Oettinger Bier angeboten bekommen, aber das liegt nur an ihren antrainierten Vorbehalten. In Wahrheit ist es völlig Jacke wie Hose, würde Bier blind verkostet, könnten sie allenfalls raten. Den individuellen Geschmack regelt stets das Etikett. Natürlich, nun intervenieren wieder ganz viele energisch, aber das täten sie ja hundertpro auch, wenn ich ihren öden Mouton Rothschild mit Fritzcola veredeln würde, darum kann ich sie getränketechnisch sowieso nicht für voll nehmen.

Wie diese Naserümpfer zum „Team Scheiße“ stehen, weiß ich nicht, aber hoffentlich nicht genauso engstirnig, das wäre nämlich sehr schade für alle Seiten, denn so lange besagte Kapelle nicht beginnt, ihrer eigenen Verkultung auf den Leim zu gehen, wird sie der Musikwelt ziemlich sicher noch viele weitere funkelnde Punkpoeme schenken.

Was mir an der Gruppe junger Bunthaarrabauken neben Biermarken- und Musikwahl besonders gut gefiel, war, dass die meisten von ihnen skateten. Mit Kickflips, Ollies und Halfbacktrails und allem Drum und Dran, wobei ich zugeben muss, dass ich den dritten Trick gerade erfunden hab, weil mir kein anderer mehr einfiel, ich aber zwei Tricks für eine schmucke Aufzählung zu mager fand.

Ich bin ein großer Fan von Skateboardern. Genau genommen, fand ich Skateboards im Vergleich zu Gitarren schon mit 15 Jahren das viel coolere Holz, und wäre ich nicht so verdammt untalentiert darin gewesen, dann hätte ich meine juvenile Energie damals komplett ins Perfektionieren meiner Skateskills gesteckt. Der Vorteil bei Gitarren ist, dass man mangelndes Talent durch genügend Verzerrung ausgleichen kann, darum blieb mir nur diese Option zur Revolte, denn ein Skateboard gibt’s leider nur unplugged.

Ich bekam da jedenfalls gar nichts hin, außer meine Stoffschuhe ruiniert, wenn ich mich an irgendwelchen Bretthochziehkniffen versuchte. Meine Skaterkumpels schwebten elegant über hüfthohe Hürden, ich blieb mit dem Board an der niedrigsten Bordsteinerhöhung kleben.

Ein kleines bisschen gab ich auch meinem Skateboard die Schuld daran, denn es war ein marineblaues Plastikbrett vom Puppenkönig für 39.90 Dmark, und die Rollen bewegten sich eigentlich nur, wenn man sie ganz feste von Hand in der Luft drehte. Aber ehrlich gesagt, waren meine Versuche mit den guten Brettern meiner Freunde ebenfalls absolut desaströs und endeten eigentlich immer mit aufgeschürften Knien oder Neuverschuldung meinerseits, weil ich wieder irgendwas an den Leihgaben binnen Minuten kaputtfuhr.

Um wenigstens stylemäßig mitzuhalten, hatte ich mir immerhin redliche Mühe gegeben, mein Drecksboard etwas offizieller aufzutunen, indem ich es mit zweifarbigem Schmirgelpapier und einigen „Titus“ und „Skate Or Die“-Aufklebern beklebt hatte, die mir mein Kumpel Jörg freundlicherweise geschenkt hatte. Das genügte vollkommen, um mit den anderen an der selbstgebauten Halfpipe abzuhängen, das Brett lässig unter den Hintern geklemmt, eine Cola in der Hand, und auf dem Ghettoblaster Kassetten von den Emils, Suicidal Tendencies oder D.R.I. abzuspielen. Zumindest ging ich davon aus, dass es die Emils, Suicidal Tendencies oder D.R.I. waren, denn meist handelte es sich um Aufnahmen von Aufnahmen von Aufnahmen von Aufnahmen von geliehenen Kassetten, und sie waren darum etwas dumpf und hätten klanglich genauso gut James Lasts gesammelte Weihnachtswerke sein können, ohne dass wir einen Unterschied bemerkt hätten.

So verbrachte ich viel Zeit halbwegs zufrieden, ab und an, wenn mich der Übermut überkam, mischte ich sogar vereinzelt Stücke meiner Band „Innocent Persons“ unter die anderen Bands, was wegen des generellen Gerausches fast nie störend auffiel, und meine mangelnden Skills glich ich damit aus, dass ich, dank eines Onkels mit Tabakwarenladen, immer Zigaretten vorrätig hatte. Jedenfalls, bis ich aus diffusen Individualitätsgründen begann, ausschließlich belgische „Belinda Menthol 100er“ zu rauchen. Die waren irgendwie nicht so angesagt wie „Lucky Strike“, die schon mal auf einer Stray Cats-Platte zu sehen war, oder gar – noch besser – „Ernte 23“, deren Packung man, wenn man ganz genau schaute, auf der Toy Dolls Best Of „Ten Years of Toys“ abgelichtet fand. „Belinda Menthol 100er“ waren auf gar keinem Cover, da winkten sogar die größten Schnorrer angewidert das Gesicht verziehend ab, fast so, als hätte sie Oettinger trinken müssen.

Da machte Kessie allerdings einen Unterschied, sie nahm ohne zu zögern eine und ließ sich bereitwillig von mir Feuer geben, Das war stark, denn Kessie gefiel mir. Wir waren auf Krissies Geburtstagsparty am Rheinufer von Beuel, und Kessie war Krissies beste oder drittbeste Freundin. Alles ein bisschen kompliziert, weil es auch noch Kissie gab, und ich bin mir nicht mehr ganz sicher bezüglich der exakten Verhältnisse.

Jedenfalls, Kessie und ich blickten durch den Nachthimmel auf die große, gefährliche, erleuchtete Hauptstadt.

Das Lagerfeuer knisterte festlich, und über die Musik von „New Model Army“, die gerade lief, waren wir ins Gespräch gekommen. Glückliche Fügung, wir fanden beide die Musik „nicht hart genug“, das war ja schon mal eine verdammt perspektivenreiche Gemeinsamkeit.

Wir verstanden uns auch ansonsten sehr gut, wie wir feststellten, wir waren beide gegen Nazis und Eltern, fanden Musik geiler als Religion und sahen wenig Hoffnung für die Welt.

Aber das beste war, sie war Skaterin. Das begeisterte mich total, denn bislang kannte ich persönlich bloß Jungs auf den Brettern, aber so, wie sie jetzt neben mir saß, in karierten Vans, tief hängenden Hüfthosen und himmelblauen „Santa Cruz“-Pulli, gabs gar kein Zweifel, dass sie es skatemäßig voll drauf hatte. Sie war ohne Zweifel die coolste Person von hier bis Niederdollendorf. Ich musste sie für mich gewinnen und preschte vor.

„Bist auch Skaterin, hm?“ fragte ich cool, verschluckte mich fast nicht am Rauch der Belinda, und war mir sicher, dass ich damit das Ding unter Dach und Fach gebracht hatte. Statt dessen erlosch augenblicklich das Funkeln in ihren Augen, und ihre Mundwinkel verzogen sich nach unten.

„Skaterin?“ äffte sie mich nach, und dehnte dabei das Wort übertrieben. „Du hast ja wohl gar keinen  Peil!“ (Damals sagte man „keinen Peil haben“, wenn man cool war, zumindest in Ortschaften unter 100 000 Einwohnern)

Sie guckte mich geringschätzig an, ganz so, als fielen ihr jetzt erst das depperte Polohemd und die bescheuerten Pumatreter auf, die ich trug. Beides auch so bizarre Modeautonomie-Ideen von mir, die ich just verfluchte.

„Das heißt: Betty!“ Sie stand auf und klopfte sich den Sand von den Hosen. „Jungs heißen Skater. Frauen heißen Bettys! Das weiß doch jeder. Höchstens ganz vielleicht noch Skate-Betty. Aber Skaterin? Na ja, wenn man halt gar keine Ahnung hat…“ Sie seufzte tief. „Tja, vielleicht haste jetzt wenigstens was gelernt.“

Kopfschüttelnd entfernte sie sich grußlos von mir und setzte sich zu Jörg, Dany und den restlichen Skatern, die gerade sicher über irgendwelche Skateboardsachen fachsimpelten.

„Bettys…“ flüsterte ich, alleingelassen, schamerfüllt, aber dennoch hingerissen, denn die Bezeichnung fand ich wahnsinnig scharf. Eine echte Betty als Freundin, das wäre das Allergrößte überhaupt, da war ich mir sicher. Ich wollte eine. Unbedingt. Damit war ein neues Lebensziel gesetzt, und voller Tatendrang samt frischestem Optimismus stand ich ebenfalls auf, um es ohne Umschweife anzugehen.

Was soll ich sagen? Es kam tatsächlich noch in dieser Nacht zu einer innigen Knutscherei mit Kessie. Leider mit Jörg, statt mir, das schmälerte das Erlebnis für mich persönlich etwas.

Ich verbrachte die nächsten Stunden mit Frank am Lagerfeuer, wo wir uns im Dosenschießen von Einliter-Faxe versuchten, aber davon möchte ich allen LeserInnen abraten.

Eine Betty bekam ich nie, ein echtes Skateboard auch nicht. Dafür blieb mir die Musik, und das ist doch auch nicht schlecht, zumal immer wieder neue Musik dazu kommt, die zu begeistern weiß. Wie gesagt, „Team Scheiße“ zum Beispiel, oder die „Linda Lindas“, um nur zwei tolle neue Bands zu nennen. Die neuen Skateboards hingegen haben stark nachgelassen. Die sind ja inzwischen so lang, dass man einen kompletten Umzug auf ihnen bewältigen kann. Mit Action, Tricks und wilden Sprüngen haben die indes nichts mehr zu tun. Aber was weiß ich schon darüber? Eben nur das, was Kessie mir einst verriet, und das – bei aller damaligen Begeisterung – liegt nun schon seit Jahrzenhten völlig unbrauchbar in einer staubigen Schublade in der hintersten Ecke meines Gehirns, begraben unter einer zerknautschten Schachtel „Belinda Menthol 100er“ und einem nach Lagerfeuer miefenden Polohemd. Gleich neben der Behauptung, „New Model Army“ wären nicht hart genug. So ein Quatsch. Aber ob man will oder nicht: Manche Lifestyles lassen sich halt eben doch komplett in Schubladen packen. Zum Glück sind das selten die aufregendsten. Ich geh mal meine Rollschuhe suchen.


Info: Totte Kühn ist Musiker und Autor. Er ist Mitglied in den Bands Monsters of Liedermaching, Die Intelligenzia und Muschikoffer, spielt aber auch solo. Aus Gründen großer Freizeitvorkommen schreibt er auch Kurzgeschichten. Sein neuestes Buch heißt „Sex, Drugs und Köcherbau“ und ist sehr gut. Sein Pseudonym „Der flotte Totte“ ist weniger gut, aber auch nicht so neu. Totte Kühn lebt in Hamburg und mag, unter anderem, Lemuren.

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