Dezember 2022: Der weihnachtliche Zugvogelkauz

Verehrte Damen, werte Herren, zur letzten Kolumne des Jahres begrüße ich euch noch einmal aus dem Bordbistro eines ICEs. Ich bin soeben frisch in Harburg zugestiegen und hatte überhaupt keinen Bock auf Sitzplatzodyssee, außerdem hielt der Speisewagen gleich vor meiner Nase, und ich bin verteufelt gut darin, die Zeichen zu deuten. Vor mir brodelt ein Fass Kaffee, denn um gar keine Unklarheiten aufkommen zu lassen, habe ich sofort einen großen Kaffee bestellt, „den größten, die Sie aufzutischen in der Lage sich sehen!“, sprach ich, mit fester Stimme und erwachsenem Blick. Ich bereue das schon jetzt, schließlich weiß ich genau, was Kaffee mit meinem Erbsprinzessinnenbäuchlein tut, und die Faustregel für den bahninternen Sanitärkomfort lautet bekanntermaßen: der Überfüllungstatus geht Hand in Hand mit der Fahrgastzahl.

Ebenfalls im Bordbistro sitzen zwei Teenagermädchen, die einander via Smartphone ihre Lieblingsstellen ausgewählter Autotuneraplieder vorspielen. Ich bin kein ausgesprochener Gegner von Autotunerap, eigentlich finde ich sogar, dass das Antiautotunegejammer der ganzen Gitarrenrockboomeranzia in seiner verrosteten Kreativdemenz viel nervenzehrender daherkommt als Autotunegesang, aber in diesem Fall muss ich zugeben, dass die völlig timingfreie, willkürlich zerhackte Aneinanderreihung von Autotunebruchstückchen im Soundkorsett bassfreier Blechkonserven mich durchaus dazu bringen könnte, gleich etwas unüberlegtes zu tun. Ein Bier zu trinken oder sowas.

Ich versuche aber, mich noch eine Weile zu disziplinieren, schließlich fahre ich nicht in Ferien, sondern bin jobmäßig unterwegs. Heute Abend spiele ich auf dem Eschweger Weihnachtsmarkt, und es wäre glatt gelogen, würde ich schreiben, dass alleine Vorfreude mein Seelchen herzt. Zwar ist das Städchen Eschwege unbenommen eines der schönsten und malerischsten Haushäufchen, das ich kenne, und das hier wohnhafte Festival „Open Flair“ sogar noch um einige Dur-Akkorde frühlingshafter schmetterlingsbeflügelt als das Städchen selbst, doch ein Soloauftritt auf einem Weihnachtsmarkt erklimmt in meiner Prinzessböhnchensensivität nicht gerade den obersten Platz empfundener Kuscheligkeit in der eigenen Comfort Zone.

Butter bei die Fische: das kann eigentlich nur furchtbar werden. Meine erfahrungsgenährten Gefühle sprechen dafür, schließlich habe ich schon so einige Auftritte ähnlicher Farbgebung absolviert. Ich spielte zum Beispiel bei einem Betriebsfest im strömenden Regen auf der anderen Straßenseite, weil der Tontechniker der Meinung gewesen war, nur dort wäre die Anlage adäquat aufgestellt. Das Rauschen des Regens und Brausen der vorbeifahrenden Autos waren die einzige Publikumsreaktionen des Abends, aber das sah ich dem Feiervolk gegenüber nach, schließlich konnten die mich gar nicht hören, weil die erstens in einem Zelt saßen, in dem laut Ballermannmucke dröhnte, und zweitens der Tontechniker meine Anlage auch gar nicht erst angekurbelt bekommen hatte. Ein andermal trat ich mit meinen Freund und Kollegen Fred inmitten der Happy Hour eines American Burger-Restaurants auf, aber da waren wir  immerhin zu zweit, und das ändert im Grunde alles. Wir einigten uns anschließend darauf, dass bestimmt alle mitgesungen hätten, wären ihre Backen nicht so vollgestopft gewesen. Wie oft ich als musikalischer Überraschungsgast auf Hochzeiten und Geburtstagen gebucht worden bin, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich bin ziemlich sicher, dass mindestens 60% der Überraschungen grandios in die Hose gingen, weil sich außer der Person, die mich verschenkt hatte, niemand, wirklich niemand freute, und in der Regel am wenigsten die mit mir Beschenkten.

Ich gehe jetzt nicht weiter ins Detail, denn ich spüre gerade, dass das weder für mein Ego, noch für den weiteren Verlauf des Tages wirklich förderlich ist. Heute also Weihnachtsmarkt. Ich werde eine knappe Stunde spielen und Zweifel, Angst und Ohnmacht weglächeln. Ich werde meine Frostfinger vor jedem Lied am Glühwein wärmen, obwohl der auch schon längst erkaltet ist. Aber Glühwein wirkt gut als Gleitmittel für irrationale Hoffnung, und vielleicht glättet diese meine Verlorenheit in der akuten Realität, da zwischen Bratwurstständen und Tontassenbuden vor desinteressierten Feierabendflaneuren meine kruden Lieder von Socken, Tieren und Türen herunterzuschreddern. Auf gar keinen Fall werde ich selbst eine Weihnachtsmütze tragen, weder ernst, noch ironisch, sowas überlasse ich bescheuerten Punkbands, die auch sonst völlig würdefrei agieren.

Rückblickend werde ich jedoch auf jeden Fall sagen können, dass die meisten meiner Befürchtungen sich in Wohlgefallen aufgelöst haben, denn weder werde ich zwischen Reibekuchenbuden gequetscht worden sein, noch gegen Desinteresse angespielt haben müssen.

Im Gegenteil, die Bühne wird hochprofessionell geographisch günstig voller Rockflair erhaben im Zentrum eines sozialen Knotenpunktes gestanden, die Crew ausschließlich aus kompetenten Enthusiast*innen bestanden, und vor der Bühne herzhopsend viele frohsinnige Sitzpogoliebhaber mitgeschunkelt haben. Im Anschluß werde ich zuviel Klosterbäu getrunken und völlig enthemmt wildfremden Menschen das „Du“ angeboten haben. Ein heftiges Fest der Liebe.

Ich weiß das alles so genau, weil inzwischen bereits 14 Tage vergangen sind, und ohne jetzt groß angeben zu wollen, aber meine hellseherischen Fähigkeiten erreichen, wenn ich sie rückblickend nutze, locker eine Trefferquote von nahezu 90 %.

Die folgende Zeit verlief weniger glücklich, neben miesen Finanzen-News, erkrankte auch unser Kater Bernie schlimm und musste mit akuter Luftnot in die Tierklinik. Jetzt geht es ihm zum Glück wieder viel besser, aber knapp zwei Tage lang fürchteten wir sehr um unseren anderthalbjährigen Schwarzfellrambo. Bernie ist übrigens der Coverboy meiner aktuellen CD „Soilent Kühn“, er legt dort einen Stunt hin, der Harold Lloyd nur wenig nachsteht. Er hat überhaupt sehr viel komödiantisches Talent, und es macht mich so fröhlich, dass er das inzwischen wieder oft zum Ausdruck bringt, wenn er mit Turbospeed übers Parkett schlittert, in Regalwände kracht und anschließend mit Buster Keaton-Blick den Kartontrümmern entsteigt.

Doch genug von Katz und Kohle, beides kam in den vergangenen Kolumnen schon genügend vor. Schwenken wir lieber zu einem kurzen Resümee des verendenden Jahres:

Also 2022: Was war da denn bitte los?

Ich frage das übrigens jetzt ironisch verzerrt genau so, wie das neuerdings alle Bands immer machen, wenn sie in einem Beitrag ihr vortägiges Konzert loben wollen. Es muss da irgendsoein Memo gegeben haben, dass die Bands ab sofort entweder fragen müssen, was denn da bitte los war, oder zumindest den Begriff „Abriss“ zu verwenden haben. Am besten aber beides. Ich hab‘ das Memo natürlich wieder nicht gekriegt, was mich bedingt fuchst.

Eigentlich freue ich mich ja für Bands, bei denen es läuft. Wobei, „freuen“ ist vielleicht etwas hochgegriffen. Ich hasse sie nicht dafür. Aber warum ausgerechnet im angeblichen künstlerischen Freigeisterhausen namens Rockmusik alle immer exakt die gleichen Satzbausteine nutzen, ist mir gleichermaßen Rätsel, wie unangenehm.  Sie sind sicherlich nicht wirklich schlimm, diese Rockbandleute, schlimm sind Nazis, SUV-Fahrer und Mario Barth, aber ich empfinde dennoch stets ein seichtes Unwohlsein in ihrer Nähe. Ungefähr so, wie bei Ina Müller oder Sitznachbarn im Zug, die vor sich auf dem Tischchen eine Plastikflasche mit Erdbeermilch stehen haben, aus der sie immer erst dann einen kleinen Schluck nehmen, nachdem sie die Flasche ordentlich durchgeschüttelt haben.

Ich weiß genau, wovon ich rede, denn ich erlebe das gerade. Schon wieder sitze ich nämlich im Zug, zum dritten Mal, seit ich mit der Kolumne begann. Auch gestern hatte ich ein Konzert, einen Kurzazuftritt in Salzgitter_Lebenstedt, einer Stadt, die in allen Gesichtspunkten exakt New York gleicht, außer in städtebezogenen oder anderen. Aber ich mag Salzgitter-Lebenstedt, denn die famose Punkkapelle „Nullbock“ kommt daher, und ich liebe sie von ganzem Herzen. Traditionell richten sie am 23.12. ein Benefiz-Festival aus, und heuer fand es das erste Mal seit Coronabeginn wieder statt. Die Hörer*innen waren enorm in Stimmung und die Bands laut. Ich habe getanzt.

Kein schöner Anblick, aber das Bier war reichlich und der Club eine Sauna.

Der Hotelportier anschließend war dann eher vergesslich, darum schaffte ich es nicht mehr unter die Dusche, bevor ich zum Zug laufen musste. Aber das sind nur Bequemlichkeitsnöte, verglichen mit dem, was 2022 ansonsten weltweit aufgefahren hat. Andererseits ist das auch ungerecht, einem Jahr für die Bescheuertheit der Menschen die Schuld aufzudrücken. Lassen wir das. Das Gute ist ja, in ein paar Tagen ist Silvester, da können wir uns alle endlich neue gute Vorsätze machen, und dann wird alles auch wieder wunderschön. So, wie jedes Jahr. Dufte. Und jetzt ist sowieso erstmal Weihnachten, da dürfen wir es uns gut gehen lassen und uns was schenken. Ich schenk‘ mir zum Beispiel diese Kolumne. Lasst’s euch gut gehen. Abriss.


Info: Totte Kühn ist Musiker und Autor. Er ist Mitglied in den Bands Monsters of Liedermaching, Die Intelligenzia und Muschikoffer, spielt aber auch solo. Aus Gründen großer Freizeitvorkommen schreibt er auch Kurzgeschichten. Sein neuestes Buch heißt „Sex, Drugs und Köcherbau“ und ist sehr gut. Sein Pseudonym „Der flotte Totte“ ist weniger gut, aber auch nicht so neu. Totte Kühn lebt in Hamburg und mag, unter anderem, Lemuren.

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Dieser Artikel wurde am: 28. Dezember 2022 veröffentlicht.

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