Wacken ohne Schlamm, geht das überhaupt? Nach den vergangenen Jahren konnte man fast vergessen, dass der Holy Ground auch eine andere Farbe als matschbraun haben kann. Doch ausgerechnet zum 35. Wacken Open Air zeigte sich der norddeutsche Festivalsommer von seiner ungewohnt sommerlichen Seite. Statt Gummistiefeln und Regenponchos gehörten diesmal Sonnencreme, kurze Hosen und ausreichend Wasser zur Grundausstattung. 85.000 Metalheads feierten eine Woche lang auf dem ausverkauften Holy Ground, ohne Schlamm, dafür mit reichlich Sonne und Staub. Und was soll man sagen: Wacken ohne Schlamm? Das macht ganz schön viel Spaß! Keine knöcheltiefen Schlammlöcher, keine Rutschpartien auf dem Weg zur nächsten Bühne und keine Schuhe, die man nach dem Festival am liebsten direkt entsorgen möchte. Bei den hohen Temperaturen sorgte dafür eher ein Ausflug ins Freibad für die dringend benötigte Abkühlung.
Musikalisch spannte das Programm 2026 wieder einen weiten Bogen. Neben großen Headlinern und Metal-Legenden standen Hardcore, Metalcore, Black Metal, Folk, Industrial und Punk auf dem Programm.
Mittwoch – Party auf dem Holy Ground
Der Mittwoch bot für uns direkt einen ziemlich unterhaltsamen Auftakt. The Butcher Sisters sorgten mit ihrer Mischung aus Metal, Rap und völligem Partywahnsinn für beste Stimmung. Deutlich elektronischer wurde es mit Electric Bassboy, dem DJ-Projekt aus dem Electric-Callboy-Umfeld. Beats auf einem Metal-Festival mögen nicht jeden Traditionalisten begeistern – als Party hat es aber hervorragend funktioniert. Hämatom brachten mit ihrer gewohnt aufwändigen Show schließlich ebenfalls ordentlich Stimmung auf den Holy Ground.
Donnerstag – Von Nu Metal bis Black-Metal-Ursprüngen
Am Donnerstag wurde das Programm deutlich abwechslungsreicher. Saviourself gehörten ebenso zu unserem Programm wie Life Of Agony, die auch nach Jahrzehnten noch eine feste Größe zwischen Alternative Metal und Hardcore sind. Mit Kupfergold gab es Folk und jede Menge gute Laune, während Turbonegro mit ihrem dreckigen Punkrock einen willkommenen Stilwechsel boten. Die größte Überraschung des Tages waren für uns allerdings P.O.D.: enorm viel Energie, Spielfreude und eine hervorragende Verbindung zum Publikum. Die Mischung aus Nu Metal, Alternative und Rap funktioniert auch nach all den Jahren live bestens. Für uns nicht nur das Highlight des Tages, sondern eine der drei besten Shows des gesamten Festivals. Einen besonderen Auftritt gab es abends mit Misþyrming & Nergal perform Behemoth’s „Sventevith“. Behemoth selbst spielten nicht, stattdessen widmete sich Nergal gemeinsam mit den isländischen Black-Metallern Misþyrming dem Behemoth-Debüt Sventevith (Storming Near the Baltic). Eine düstere Reise zurück zu den rohen Black-Metal-Ursprüngen von Behemoth – keine gewöhnliche Retrospektive, sondern eine seltene Gelegenheit, dieses frühe Material in besonderer Besetzung live zu erleben.
Freitag – Hardcore und Friday is Flyday
Der Freitag hatte es in sich. Mr. Hurley und die Pulveraffen brachten mit Piraten-Folk Abwechslung ins Programm, während Employed To Serve deutlich härtere Töne anschlugen. Auch Future Palace überzeugten mit modernem Alternative Metal. Bei ihrem Auftritt fand mit „Friday is Flyday“ zudem eine sehr schöne Aktion des Festivals statt. Gemeinsam mit Metality e.V. ermöglichte das W:O:A Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen das Crowdsurfen, unter anderem mit einem speziellen Tragestuhl. Inklusion nicht nur als Schlagwort, sondern mitten im Publikum gelebt. Ein absolutes Highlight waren für uns Paleface Swiss. Brutale Breakdowns, Moshpits und eine enorme Energie sorgten vor der Bühne für Ausnahmezustand. Hatebreed bewiesen ebenfalls einmal mehr, warum sie seit Jahrzehnten eine Live-Bank sind: kompromissloser Hardcore, massive Breakdowns und ein Publikum, das vom ersten bis zum letzten Song mitging. Damit landeten auch sie ganz klar in unseren Top 3! Für einen völlig anderen Kontrast sorgten SKYND mit Industrial, Dark Pop und ihrer markanten True-Crime-Inszenierung.
Samstag – Volle Härte und großes Finale
Auch der letzte Festivaltag hatte musikalisch noch einmal einiges zu bieten. Blood Command brachten mit ihrem wilden Mix aus Punk und Hardcore ordentlich Bewegung auf den Holy Ground. Thrown hielt es kurz, hart und kompromisslos, bevor Bleed From Within mit melodischen Gitarren, wuchtigen Grooves und ordentlich Druck überzeugte. Die Schotten gehören inzwischen zu den großen Namen des modernen Metal und zeigten auch in Wacken, warum sie sich diesen Status in den vergangenen Jahren erspielt haben. Mit Arch Enemy stand außerdem eine der großen Melodic-Death-Metal-Bands des Festivals auf unserem Programm, die vor allem mit präziser Gitarrenarbeit und einem druckvollen Auftritt überzeugte. Für die ganz großen Produktionen waren schließlich Powerwolf und Sabaton zuständig. Powerwolf verwandelten den Holy Ground mit reichlich Pyrotechnik und ihrer gewohnt aufwendigen Metal-Messe in ein Flammenmeer. Sabaton setzten mit Panzer, Feuer und großen Hymnen noch einmal auf die volle Wacken-Headliner-Produktion. Subtil geht anders – aber auf einer Wacken-Hauptbühne funktioniert diese Art von Größenwahn hervorragend.
Komfort, Kulinarik und kaltes Bier
Auch abseits der Musik gab es deutliche Verbesserungen. Besonders positiv fiel auf, dass die Veranstalter zahlreiche wichtige Wege mit Platten ausgelegt hatten. Bei dem trockenen Wetter waren diese 2026 zwar kaum notwendig, beim nächsten Regen-Wacken könnten sie aber Gold wert sein. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre eine deutliche Verbesserung, auch wenn wir gerne darauf verzichten können, den Härtetest schon 2027 zu erleben. Auch bei den Toiletten wurde ordentlich nachgebessert. Davon gab es gefühlt deutlich mehr als in den vergangenen Jahren und während unseres Besuchs waren sie durchgehend sehr sauber. Bei 85.000 Menschen auf einem Festivalacker definitiv keine Selbstverständlichkeit. Kulinarisch bot das Festival wie gewohnt eine beeindruckende Auswahl (inkl. einigen vegetarischen und veganen Optionen). Unser persönlicher Gewinner war allerdings schnell gefunden: Churros! Warm, süß und vermutlich ernährungsphysiologisch nicht unbedingt das, was der Körper nach mehreren Tagen Festival benötigt, aber für uns eindeutig das beste Essen des Wochenendes.
Und dann wäre da noch eines der offenbar wichtigsten Themen für viele Besucher: der neue Biersponsor. Über die diesjährige Auswahl wurde durchaus diskutiert. Ich sage mal so: Solange das Bier kalt ist, sollte man sich nicht zu sehr beschweren. Außerdem gab es auf dem Gelände genügend Alternativen. Und wenn beim Festival die Biermarke eines der größten Probleme ist, dann hat das W:O:A eigentlich ziemlich viel richtig gemacht.
Ausblick auf 2027
Natürlich durfte auch in diesem Jahr der traditionelle Blick auf das nächste Wacken nicht fehlen. Noch während auf dem Holy Ground gefeiert wurde, verkündeten die Veranstalter die ersten Bands für 2027. Mit dabei sind unter anderem Electric Callboy, Five Finger Death Punch und Helloween.
Fazit
Wacken 2026 war für uns ein rundum gelungenes Jubiläum: musikalisch abwechslungsreich, organisatorisch verbessert und wettertechnisch fast schon ungewohnt angenehm.
See you in Wacken 2027 – Rain or Shine! (bitte wieder ganz viel shine)
Nachbericht und Fotos von Constantin Greif
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