<

Interviews

Veröffentlicht am: Dezember 9th, 2019 | durch Florian Puschke

0

„Wat Bleift“: Die Band Schëppe Siwen im Interview

Aus Luxemburg kommen die Schëppe Siwen und präsentieren uns mit „Wat Bleift“ ihr bereits drittes Album. Hierzu standen sie uns für ein recht schiefes Interview mit mehr als sieben Fragen zur Verfügung.

Liebe Schëppe Siwen, danke dass ihr euch die Zeit für uns nehmt. Wobei erwischen wir euch gerade?
Schëppe Siwen: Hi Leute, wir erholen uns gerade vom ersten Folkpunkfestival in Luxemburg, das wir letzte Woche organisiert haben, um unser drittes Studioalbum vorzustellen. Der Abend war ein glatter Erfolg, der Club war voll, die Leute äußerst zufrieden und die eingeladenen Bands konnten auf ganzer Linie überzeugen. Wir sind also höchst zufrieden und versuchen nach diesen sehr aufregenden Tagen wieder ein wenig Ruhe in den Alltag zu bekommen.

Die Schëppe Siwen gibt es nun schon ein paar Jahre Jahre. Mit „Wat Bleift“ ist bereits euer drittes Album am Start. Woher kennt ihr euch und wie ist die Band entstanden?
Schëppe Siwen: Die Band wurde als Trio gegründet (Violine/Vocals, Gitarre und Schlagzeug). Anlass war der Geburtstag unseres Drummers Chris am 17. März 2010, den wir mit einem Konzert in der Kultbar „Vis-à-vis“ in der Stadt Luxemburg feierten. Wir kannten uns alle schon einige Jahre, deswegen stimmte die Chemie auch musikalisch sehr schnell. Seither spielen wir nun alljährlich unser traditionelles St. Patrick’s Day Konzert in dieser Bar, die recht überschaubar ist, so dass mittlerweile dreimal so viele Leute vor der Bar unser Konzert hören als drinnen. Die Band selber ist dann auch über die Jahre zu einer regelrechten Bigband angewachsen, so dass wir mittlerweile stolze 8 Musiker zur Familie zählen dürfen.

Eure Songs sind allesamt recht vielseitig und haben im Gegensatz zu anderen Folk-Punk-Bands die Eigenart, das ihr in Landessprache singt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Schëppe Siwen: Luxemburgisch als offizielle Sprache mit institutionell festgelegten Regeln ist noch recht jung, die Sprache selbst (auch als Dialekt in unterschiedlichster Form) kann aber auf eine jahrhundertelange Tradition zurückblicken. Dieser Tradition wollten wir uns anschließen und zeigen, dass die luxemburgische Sprache, die oft als hartklingend und musikalisch ungeeignet dargestellt wird, recht melodiös und anregend vorgetragen werden kann. Im Luxemburgischen gibt es Ausdrücke und Wortlaute, die in anderen Sprachen nicht zu finden sind, und die Herausforderung ist es, diese spezifischen Klänge zu identifizieren und kreativ in die Musik miteinzubinden, so dass die Sprachmelodie auf die instrumentelle Begleitmusik abgestimmt ist.

Die Wahl der Landessprache. Was denkt ihr. Eher ein Vorteil im Bezug auf den Verkauf der CDs in Luxemburg oder eher ein Nachteil, da ihr für andere Länder schwerer zu verstehen seid?
Schëppe Siwen: Wir sind der Meinung, dass Musik universell ist. Bei unseren Konzerten im Ausland bekommen wird regelmäßig Feedback, dass die Menschen fasziniert sind von unserer Bühnenpräsenz und der Energie, die wir in die Musik reinpacken. Dass die Texte dabei nicht verstanden werden, scheint nirgendwo ein wirkliches Problem zu sein. Wir gleichen dies live auch meist damit aus, dass wir vor dem Spielen der Lieder die notwendigen Erklärungen geben. Zusätzlich hierzu gibt es mittlerweile eine unzählige Auswahl an englischsprechenden Künstlern, die man von überall in der Welt zu jeder Zeit online streamen kann, da ist es schon eher von Vorteil etwas Exklusiveres respektive „Exotischeres“ anbieten zu können. Solange der Funken der Musik überspringt, sind wir zufrieden.

Habt ihr diesbezüglich auch mal dran gedacht, eine Auswahl eurer Songs in Englisch zu veröffentlichen?
Schëppe Siwen: Ja, daran gedacht haben wir wohl, jedoch bisher immer dagegen entschieden. Aber wer weiß, was in ein paar Jahren ist.

Das neue Album hört auf den schönen Namen „Wat Bleift“. Erzählt etwas zur Entstehungsgeschichte und zur Titelwahl?
Schëppe Siwen: Wir leben in einer schnell wandelnden Welt. Die moralischen Orientierungspunkte verändern sich in einer rasanten Geschwindigkeit und so manche moralische Verpflichtung verschwindet Stück für Stück. Diskriminierungen jeglicher Art werden von vielen Seiten aus legitimiert, meist aus einer Angst heraus, selbst Opfer von Diskriminierungen zu werden; was aber ein Trugschluss ist, denn dadurch wird das soziale Klima nur noch weiter vergiftet. Auf der anderen Seite scheint aber auch ein Bewusstsein aufzukommen, gegen Ungerechtigkeiten und Ausbeutungen zu kämpfen.
Es ist also eine höchst interessante Zeit, die wir als Menschen selber gestalten können und es liegt auch an uns, wie die Zukunft aussehen wird. Dies stellt wohl das Grundgerüst des gesamten Albums dar. Die Konzepte der Zeit, der Beständigkeit und des Wandels ziehen sich dabei wie ein roter Faden durch das Album, dessen Hauptaugenmerk auf den Kontrasten liegt, sowohl thematisch wie auch musikalisch. Es findet eine Navigation zwischen unterschiedlichen Welten, Ansichten, Lebenserfahrungen und sozialen Kreisen statt und doch wird am Ende eins klar: Beständig ist nur der Wandel.

In „5 vir 7“ hören wir Klänge aus einer Kneipe. Ist die Musik von Schëppe Siwen kneipentauglich und wenn ja, warum?
Schëppe Siwen: Die Musik von Schëppe Siwen kann man überall hören, nur zum Einschlafen ist sie eventuell ungeeignet (lacht).

Wie viele eurer Songs ist auch der Titeltrack „Wat Bleift“ extrem partytauglich. Was denkt ihr. Was bleibt in dieser schnelllebigen Zeit? Gerade im Bezug auf die Musik?
Schëppe Siwen: Jede Generation möchte ihre eigene Musik haben, ihre eigenen Helden, ihre eigenen Erinnerungen, und selbst wenn heutzutage alles schnelllebig erscheint, ist klar, dass das Musik-machen an sich jeden Trend überdauern wird. Dies ist ein sehr beruhigender Gedanke.
Zudem ist es sehr einfach „moderne“ Musikgenres zu kritisieren, denn früher war ja sowieso immer alles besser. Wir bevorzugen uns mit neuen Trends auseinander zu setzen, zu verstehen und nachzuvollziehen, was jene Musiker bewegt und wie sie ihre Realität in Musik verpacken. Welche Art von Musik man dann selber macht (oder hört), kann jeder für sich entscheiden. Wir sind fest davon überzeugt, dass man sogar in den abstrusesten Musikrichtungen immer auch Lieder findet, die auf den eigenen Geschmack zutreffen könnten, man muss halt nur offen für das Unbekannte sein.

Auch „De Klenge Männchen“ gefällt. Sicher hat dieser Song einen Hintergrund? Erzählt uns etwas dazu.
Schëppe Siwen: Dieses Lied stellt für uns eine Satire dar, über die Angst des Identitätsverlustes, der heutzutage schamlos von den rechten Lagern ausgenutzt wird, um diejenige Menschen, die selber ein wenig verunsichert sind, noch stärker zu verängstigen. Es spielt in einer etwas überspitzten Art und Weise mit der Befürchtung, dass in ein paar Jahren das „letzte Luxemburger Männchen“ nur noch in einer Glasvitrine im Museum zu finden ist. Der Text selber stammt von dem verstorbenen Schriftsteller Pol Pütz. Ob der Text auch gemäß dieser Interpretation verfasst wurde, können wir an dieser Stelle nicht beantworten.

Mit „Sternenhimmel“ schaltet ihr einen Gang zurück. Was bedeuten euch solche eher langsamen Stücke in der Schëppe Siwen Discografie?
Schëppe Siwen: „Sternenhimmel“ ist unsere erste Ballade. Sie behandelt das Thema des Verlustes in einer musikalischen wie auch lyrischen Art und Weise. Das Lied ist in drei Teile aufgebaut, die jeweils für einen anderen emotionalen Umgang mit dem Verlust stehen. Der erste Teil (die Strophe) behandelt den Schmerz, die Trauer, die Einsamkeit und die Erinnerung, und ist unterlegt mit einer relativ düsteren und traurigen Melodie. Dann wechselt die Tonart und es folgt ein Instrumental Teil. Dieses Intermezzo symbolisiert das Aushalten des Schmerzes und den Umgang mit der Fülle an Emotionen die über die Worte hinausgehen und einfach ertragen werden müssen. Anschließend wechselt die Tonart wieder hin zu einem hoffnungsschöpfenden Teil (Refrain), nämlich die Erinnerung an die verstobene Person die als positive Kraft in Energie umgewandelt werden kann. Wir benutzen in diesem Fall die Symbolik des Sternenhimmels. Die Sterne werden als Gucklöcher dargestellt, aus denen das Licht des Universums auf die Erde fällt und die von den Verstorbenen genutzt werden, um das Geschehen auf der Erde zu beobachten. Damit wollen wir metaphorisch ausdrücken, dass wir die von uns geliebten Personen nie ganz verlieren, sondern sie in uns weiter existieren und uns ein Leben lang begleiten (können). Im Grunde ist es ein kraftgebendes und positives Lied, das wir zusammen mit dem Kinderchor „Muselfénkelcher“ aufgenommen haben.

Das Album kommt nun auf den Markt. Die ersten Reaktionen sind da oder werden kommen. Wie wichtig sind euch Meinungen von Fans, Freunden aber auch von der Presse?
Schëppe Siwen: Kritik ist wichtig, solange sie konstruktiv und nicht bewusst verletzend ist. Jeder nimmt Musik auf seine eigene Art und Weise auf, deswegen gibt es unseres Erachtens immer nur berechtigte Kritik, wobei die Berechtigung immer an den spezifischen Betrachter und dessen Erwartung an die Musik gebunden ist. Wir versuchen uns Kritik von Personen zu Herzen zu nehmen, zu denen wir auch gehen würden, wenn wir einen Rat bräuchten.

Nach dem Album ist vor…? Werdet ihr eine kleine Tour zum Release spielen oder was ist geplant?
Schëppe Siwen: Ja es sind einige Konzerte für nächstes Jahr geplant und es werden sehr wahrscheinlich noch weitere hinzukommen. Einfach mal auf unserer Website http://www.scheppesiwen.com vorbeischauen und die Newsletter abonnieren!

Eure Live-Konzerte strahlen auch einiges an Energie aus. Welche Songs sind unabdingbar auf der Schëppe Siwen Setliste zu finden?
Schëppe Siwen: Wir versuchen uns so weit wie möglich dem Publikum, dem Kontext und der Uhrzeit des Konzerts anzupassen. Es gibt aber einige Klassiker die auf jeden Fall selten fehlen, wie z.B. „Party an der Staat“, „Beweeg däin Aarsch“ oder mittlerweile auch Songs des neuen Albums wie „Wat bleift“ oder „Fett ewech“.

Mit welchen Bands würdet ihr gerne mal auf Tour gehen?
Schëppe Siwen: Um diese Frage adäquat zu beantworten, bräuchten wir wahrscheinlich mehrere Seiten. Klar ist, dass die Bands, genau wie wir, die Spielfreude und die Energie zelebrieren müssten und live auf der Bühne explodieren sollten. Ansonsten sind wir eigentlich easy im Umgang ;)

Was bedeuten euch die folgenden Begriffe?
DIY
Schëppe Siwen: …sonst verbockt es halt jemand anders.

Wat bleift
Schëppe Siwen: Geilste Single des Jahres

Luxemburg
Schëppe Siwen: Etwas spießig, etwas kleinkariert aber offen für alles

Folkpunk
Schëppe Siwen: Kritisch und schnell; hart aber herzlich

Tough Magazine
Schëppe Siwen: Support your locals! Danke für die langjährige Arbeit!

Europameisterschaft
Schëppe Siwen: Brot und Spiele

Vielen Dank für das Interview. Die letzten Worte gehören euch.
Schëppe Siwen: Celebrate Diversity …so dass auch der kleinsten Einheit Existenzrecht zugesprochen wird.

Interview von Thorsten im November 2019

Foto: Paradox 8

Tags: , , , , , , , ,



Über den Redakteur



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Aufwärts ↑
  • Letzte Posts

  • Archiv

  • Google Anzeige




  • Werben bei Tough Magazine