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Interviews

Veröffentlicht am: Januar 15th, 2021 | durch Florian Puschke

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Soloprojekt: Archi Alert im „Alert“-Interview

Archi „MC Motherfucker“ Alert sollte jedem, der (deutschsprachigen) Punk hört, ein Begriff sein. Der gute Archi ist nämlich Frontmann der Terrorgruppe. Aber nicht nur. Nebenbei produzierte er unter anderem Alben für The Movement, The Creetins, K.I.Z , Radio Havanna und The Toten Crackhuren im Kofferraum. Auch als Gaststimme hört man ihn bei diversen Songs. Nun hat die Terrorgruppe im letzten Jahr verkündet, dass es keine weiteren Alben geben wird. Archi macht aber weiter. Mit ALERT hat dieser ein neues Projekt am Start. Auf der Facebook Seite kann man schon in den ersten Song reinhören. Wir haben uns gefreut, als der gute Archi zugestimmt hat, uns einige Fragen zu beantworten.

Hey Archi. Schön, dass du dir die Zeit nimmst. Wobei erwischen wir dich gerade?
Archi: Hallo, ihr erwischt mich gerade dabei wie ich mir mein musikalisches Leben nach der TERRORGRUPPE ausdenke und aufbaue. Pandemie bedingt natürlich erstmal ein Soloprojekt, dass ich alleine kreieren und produzieren kann.

Letztes Jahr kam die „letzte CD“ der Terrorgruppe auf den Markt. Beschreib dein Gefühl kurz vor Release und jetzt, einige Zeit nach release zu dieser Veröffentlichung.
Archi: Zu allererst war ich natürlich glücklich, dass das Album endlich fertig war und wir es pünktlich veröffentlichen konnten. Das es das letzte Album der Band sein wird war uns allerdings schon geraume Zeit vor Veröffentlichung bewusst. Eigentlich lief auch alles exakt nach Plan nur das Virus machte uns einen Strich durch unseren Marketing-Plan. Wir konnten das Album leider nicht, wie gewohnt, live vorstellen und promoten und das fand ich schon sehr krass, was das für einen Unterschied für mich machte. Die Kampagne hört nach Veröffentlichung gefühlt einfach auf.

Mir hat die CD damals gut gefallen und sie läuft auch heute noch oft. Wenn man so gute Songs schreibt, wie kommt dann ein Entschluss zustande, keine weiteren Songs aufzunehmen?
Archi: Freut mich das du „Jenseits von Gut und Böse“ magst. Es ist kein einfaches Album. Wir verlangen unserer Hörerschaft einiges an Selbstironie und Selbstkritik ab. Es ist sehr konträr zu den ideologie-identitären und populistischen Inhalten die man momentan eher von punkartigen Künstlern hört. Die TERRORGRUPPE passt aber mit ihrem bösen, unkorrekten Spott und Spass auch nicht mehr richtig in diese Zeit und darum ist es auch angebracht das Projekt endgültig zu beerdigen. Ich hatte eh das Gefühl dass wir unser Verfallsdatum nach unserem Comeback in 2014 schon überschritten hatten. Aber wir machen ja alle in anderen Projekten weiterhin und auch schon parallel zur TERRORGRUPPE Musik und darum wird mit dem Ende der Band jetzt auch kein Talent vergeudet, keine Angst.

Wenn du auf eure lange Diskographie zurückblickst. Welches sind deine drei Lieblings Terrorgruppe-Alben und warum?
Archi: 1996 – Melodien für Milliarden. Mir war bis zum Release der Platte nicht bewusst was für eine Granate das sein würde und war völlig überrascht wie gut das Album ankam.

2001 – Blechdose. Das erste Album auf unserem bandeigenen Label „Aggropop“. Johnny Bottrop und Ich waren die einzigen die an dieses Album geglaubt haben. Zip Schlitzer war komplett demotiviert und hat sogar die Band kurz vor Release verlassen. Unser damaliges Label „Epitaph“ wollte das Album nicht veröffentlichen, weil sie prinzipiell nicht glaubten das Live-Alben sich gut verkaufen können. Sie haben dafür sogar ihre Option auf ein 2tes Album abgegeben. Nun, das Album hat bis heute über 50.000 Einheiten verkauft und gehört zu unseren best verkauften Veröffentlichungen, also alles richtig gemacht.

2020 – Jenseits von Gut und Böse. Das Album  trifft inhaltlich und sound-ästhetisch exakt meine Vorstellungen von  Punkmusik in der Gegenwart. Es ist immer ideal wenn du einen bestimmten Sound vermisst und ihn dann selbst mit der eigenen Band umsetzten und realisieren kannst.

Und welche Songs sind deine TOP3?
Archi:
„Mein Skateboard ist wichtiger als Deutschland“, „Schmetterling“ und „Opa“. Das sind zumindest die 3 Songs auf die ich mich im Live-Set der letzten Jahre immer am meisten gefreut habe.

Die Corona-Zeit hat einiges durcheinander gewirbelt. Auch eure Tour wurde verschoben. Habt ihr bis zur Tour noch etwas geplant, auf was sich die Fans freuen dürfen?
Archi: Für uns hat sich die gesamte Auflösung der Band um ein Jahr verschoben. Das ist sehr ärgerlich, denn wir hatten alle schon anders geplant und haben nun diese letzte Tour noch in der Pipeline stecken. Die ganzen Liveset-Proben in 2020, alles umsonst. Ich hätte die Band ja auch ohne Abschluss-Tournee beerdigt. Damit hätte ich kein Problem gehabt, nur das konnte ich meinen Bandkollegen nicht antun. Denen ist eine Abschlusstournee schon sehr wichtig. Vielleicht machen wir ja noch das ein oder andere Video zu „Jenseits Von Gut Und Böse“ Songs bis zur Tour, aber sonst ist eigentlich nichts geplant ausser Proben um fit zu bleiben.

Wie empfindest du als Künstler den Corona Wahnsinn? Was enttäuscht dich, aber was gibt dir auch Mut in der derzeitigen Situation?
Archi:
Ach, enttäuschen tut mich eigentlich nichts. So viel hat sich in meinem Leben jetzt auch nicht verändert. Ich bin es gewohnt allein für mich zu Hause zu arbeiten, bin auch sonst nicht gerade  das grosse Party-Tier. Das es in unserer Gesellschaft irre viel Idioten gibt war mir ja auch schon immer klar. Also überraschen mich einerseits die ganzen Verschwörungstheoretiker und anderseits die nach autoritären Massnahmen gierenden Nerven-Wracks kein Stück weit. Die Pandemie ist wie so ein Amplifier mieser Charaktere, wer sich davon jetzt überraschen lässt hat vorher schon wenig mitbekommen. Alle verhalten sich in der Pandemie eigentlich völlig erwartungsgemäss nach ihrem Duktus. Klar ist es schade, dass man nicht auf Live-Konzerte oder ins Kino gehen kann, aber ich kann das stoisch ertragen. Pathetisches Rumheulen und Wehklagen war noch nie so mein Ding.

Du bist ja nicht nur der Frontmann der Terrorgruppe, sondern unter anderem auch Produzent. Für The Movement, Radio Havanna, K.I.Z und The toten Crackhuren im Kofferraum warst du bereits tätig. Auf welche Veröffentlichungen bist du besonders stolz und warum?
Archi: Album-Musikproduktionen sind eine sehr komplexe, aufwendige, anstrengende und langwierige Angelegenheit. Stolz bin ich auf alle Alben die es  tatsächlich von der Demophase bis zur finalen Veröffentlichung bringen. Schön ist es natürlich wenn diese Alben dann auch noch erfolgreich sind, aber das hängt meist von anderen Aspekten wie der Popularität des Künstlers bzw. das Marketing des Albums ab.

Wenn mal gerade keine Terrorgruppe am Start war, hat man dich auch als Gaststimme auf der ein oder anderen Veröffentlichung gehört. Welche Anfrage bedeutet dir hier besonders viel?
Archi: Natürlich Bauchpinseln mich solche Anfragen, aber ich lehne auch oft genug ab wenn mir die Konzepte für solche Features nicht in den Kram passen. Bei K.I.Z und der Antilopen Gang hab ich mich aber schon sehr über die Features gefreut.

Für welche Band wärst du gerne mal als Produzent tätig?
Archi: Ganz ehrlich, ich weiss es nicht. Ich bin orientieren mich gerade etwas um. Da ich in letzter Zeit hauptsächlich für meine eigenen Projekte und Terrorgruppe produziert habe, bin ich aus der Kunden Akquise auch ein bisschen raus. 90% der Anfragen die in den letzten 3 Jahren so reinkamen fand ich auch nicht sooo spannend. Ich muss in so einer Zusammenarbeit schon etwas Aussergewöhnliches sehen, eine Vision entwickeln können die zu den Künstlern und mir gleichermassen passt.

Du hast jetzt mit ALERT ein eigenes Projekt am Start. Was erwartet uns hier?
Archi: Ich spiele gern Gitarre und singe gern. Ausserdem hab ich gerade Lust alleine Musik zu machen, also kompromisslos ohne Künstlergruppe (Band) um mich herum. Darum werde ich in den nächsten Monaten immer mal kleine Gitarren-Stücke und auch ganze Songs veröffentlichen die ich die letzte Zeit zu Hause geschrieben und produziert habe.  Kategorisieren will die Musik jetzt noch nicht, das sollen die Hörer dann tun, das mach ich nicht so gern.

Wann kam für dich der Entschluss, ein eigenes Projekt zu starten?
Archi: Es war für mich eigentlich immer klar. dass ich auch weiterhin Musik machen werde. Mein kreativer Drang hört mit der Terrorgruppe ja nicht auf. Aber diese Corona-Sache hat mir meinen zukünftigen Weg schon etwas klarer vorgegeben.

Ist ALERT ein Ein-Mann-Projekt oder vereinen sich unter deinem Namen weitere Musiker?
Archi: Erstmal bin das Ich alleine. Ob ich mir später für Konzerte andere Musiker dazu hole steht noch in den Sternen, wär aber eine Option. Ich hab auch Bock auf Duette und Features mit singenden Frauen. Erstens steh ich sehr auf Frauenstimmen und zweitens bilden diese meist einen kräftigeren, harmonischeren Kontrast zu meiner Stimme.

Die erste Kostprobe ist bereits online. Eine Cover Version von VAN HALEN. „316“ aus deiner Erinnerung gespielt. Wie kam es zu der Auswahl Van Halen?
Archi: Ich spiel das Stück seit ’91 immer mal wieder zum Aufwärmen wenn ich Picking-Sachen spiele. Gerade nach dem traurigen Ableben dieses genialen Musikers „Eddie Van Halen“ fand ich es angebracht mit einer kleinen Reminiszenz an den Meister mein ALERT Projekt zu starten. Gerade die ersten drei Van Halen Alben sind für mich neben Thin Lizzy und Punk mit das Wichtigste was zu meiner Musiksozialisierung Ende der 70er Jahre beigetragen hat.

Welche Songs von anderen Künstlern würdest du gerne mal in ein anderes Gewand bringen und welche eigenen sich, um auf einen ALERT Platte zu erscheinen?
Archi: Puh, keine Ahnung. Ich habe mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Coverversionen müssen für mich immer eine ganz eigenständige und umfänglich ebenbürtige Version zum Original sein. Nur dann machen sie Sinn. Drum cover ich tatsächlich sehr, sehr wenig.

Als akustische Nummern könnte man sicher auch Stücke der Terrorgruppe darbieten. Eine Idee für dich oder ganz weit weg?
Archi: Erstmal ganz weit weg. Durch meine Freundin muss ich mir öfters die akustischen Elaborate von Tony Sly (RiP) und Joey Cape anhören, die ja beide sehr oft Songs ihrer Bands „No Use For A Name“ und „Lagwagon“ gecovert haben. Sie ist riesen Fan von den Beiden. Ich muss aber für mich feststellen, dass ich diese Art der Übersetzung nicht so sehr mag. Punksongs sind ja gewöhnlich sehr Dur- lastig und diese schrammelartige Umsetzung auf akustischer Gitarre kling für mich immer arg nach banaler Lagerfeuerromantik. Mir fehlt da Tiefe.

Kannst du uns über ALERT einen Plan sagen? Wann hören wir weitere Songs? Album? Tour?
Archi: So weit bin ich noch nicht. Ich hab bisher ein paar Songs produziert und ein paar sind noch in der Pipeline. Ich warte jetzt noch darauf bis der Digitalvertrieb der GEMA „Music-Hub“ endlich an den Start geht. Darüber möchte ich dann in regelmässigen Abständen Songs für die Streaming-Portale veröffentlichen. Mal sehen wie das dann angenommen wird? Daraus entscheidet sich dann ob und welche Songs ich zu Alben zusammenfüge und eventuell auch Platten pressen lasse bzw. ob und wann ich ein Live-Programm zusammen bastel und in welcher Konstellation ich das dann präsentiere.

Und um die Leute ganz neugierig zu machen, verrate uns mal eine Songzeile eines ALERT Songs.
Archi: „Und ich weiss, dass kein Gott weiss wozu ich alles fähig bin“

Lieber Archi, was bedeuten dir die folgenden Begriffe?
Terrorgruppe
Archi: …ist meine 2te Jugend, wenn man bedenkt dass ich die Band erst mit späten 28 Jahren mit angefangen habe.

Solo Musiker
Archi: …ist Freiheit pur.

ALERT
Archi: …ist mein ein 2ter Spitznachnahme. Ursprünglich hiess ich in meiner Teenager-Punkergang „Archi Anwalt“ , da ich der einzige war zu dem nach Massenfestnahmen zu erkennungsdienstlichen Zwecken (das war damals in Bayern bei Punkern so üblich) immer ein Anwalt, ein persönlicher Freund meines Vaters,  kam um mich rauszuholen.

Musik Business
Archi: …ruht sich gerade etwas aus, hihi.

Berlin
Archi: …ist nach wie vor die einzige europäische Stadt in der ich leben möchte.

Die Ärzte
Archi: …haben uns damals mit Terrorgruppe auf ihr Label „Gringo Records“ gesignt, die ersten 4 Alben finanziert und uns auch sonst krass unterstützt. Grosser Dank an Felse, Jan, Yentzi und Hoffe.

Wir müssen raus
Archi: …war 1997, 36 Wochen auf RBB Radio Fritz jeden Sonntag in den Top 5 der Hörercharts und die feigen Programmchefs dieses Kacksenders haben sich kein einziges Mal getraut einen Song von uns ins Tagesprogramm zu nehmen.

Tough Magazine
Archi: Ganz schön tough.

Lieber Archi, wir bedanken uns für die Zeit und das Interview. Die letzten Worte gehören dir.
Archi:
Vielen Dank für euer Interesse und bis bald mal wieder, bleibt alle gesund, passt auf euch auf und kommt gut durch.

Wir bedanken uns bei Archi für die Zeit. Wir freuen uns auf zukünftige Musik von ALERT und hoffen, Archi, mit den Jungs von der Terrorgruppe, im Oktober wieder zu sehen. Zudem sind wir sehr gespannt, was mit ALERT denn abgeht. Wer mehr über Archi wissen möchte schaut nach unter: www.facebook.com/ArchiAlert

Interview von Thorsten im Januar 2021

Fotos: William Minke und Philipp Virus

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