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Interviews

Veröffentlicht am: April 9th, 2021 | durch Florian Puschke

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„Mundartpunk Forever“: Glue Crew im Interview

Die „Glue Crew“ ist eine „Mundart Punk“-Band aus dem österreichischen Pongau in Salzburg. Wie sie selbst sagen schreiben sie Songs, die inspiriert sind von österreichischer Dialekt-Musik (Mundart), Punk, „Gstanzln“, Ska und Austropop. Damit lassen sie sich schwer in Schubladen einordnen. Ihr neues Album trägt daher konsequenterweise auch den Titel „Mundart Punk“. Anlässlich des Releases Ihres Albums im Februar haben wir uns mit Thomas (aka „Tom the One“, Gesang & Gitarre), Wolfgang (aka „El Fetzn“, Bass, Gesang, Melodica und Ziehharmonika) und dem neuen Drummer Bernhard (aka „Probably Binreb“) zusammengesetzt und nachgefragt.

Zum Einstieg eine allgemeine Frage: Wie würdet ihr die Glue Crew jemandem beschreiben, der Euch nicht kennt?
Tom: Die Glue Crew macht Mundartpunk mit Einflüssen von Ska und Austropop bis hin zu Rap. Wir sind vor Kurzem im ORF vom Moderator als „sympathische junge Männer“ bezeichnet worden, das trifft es eigentlich ganz gut. 😊

Euer neues Album heißt „Mundartpunk Forever“. Mundartpunk ist ja ein österreichisches Phänomen, gekennzeichnet durch einen regional begrenzten Dialekt. Warum habt Ihr Euch dazu entschieden im Dialekt zu singen?
Tom: Das war nicht wirklich eine bewusste Entscheidung, sondern eher eine natürliche Entwicklung. Wir reden im Dialekt, wir denken im Dialekt, da ist es eigentlich logisch, dass wir auch im Dialekt singen. So können wir unsere Gedanken und Gefühle am besten ausdrücken. In der Schule und an der Uni ist uns der Dialekt etwas ausgetrieben worden. Jetzt erobern wir dieses Terrain wieder zurück.

Seht Ihr den regional gefärbten Charakter Eurer Songtexte eher als Vor- oder als Nachteil, wenn es darum geht Eure Musik zu promoten?
Wolfi: Natürlich grenzen wir dadurch unsere Zielgruppe ein. Andererseits ist der Mundartfokus ein Alleinstellungsmerkmal. Uns geht es generell nicht darum, eine maximale Reichweite zu erzielen, sondern Songs zu schreiben, die uns bewegen, die unser Umfeld zum Nachdenken oder Lachen bringen oder eine Diskussion anregen. Je mehr Zuspruch wir erhalten, umso mehr freuen wir uns natürlich.

Eure letzte Single heißt „Manda“ und handelt von gewissen männlichen Stereotypen. Was waren die Gründe so einen Song zu schreiben?
Tom: In dem Song geht es um toxische Männlichkeit, darum, dass unter Männern Konkurrenzdenken oft sehr ausgeprägt ist, dass jeder den anderen übertrumpfen will oder zeigen will, was er alles kann oder weiß oder wen er nicht aller kennt. Es ist immer noch weit verbreitet, dass man als Mann unbedingt finanziell erfolgreich sein soll, keine Gefühle zeigen darf, sich gegen die anderen durchsetzen muss. Wenn man diesen Druck ablegt und mal auf seinen Status scheißt, sind zwischenmenschliche Beziehungen in einer ganz anderen Qualität möglich.

Gerade in der deutschen Punk-Rock-Szene gab es in den letzten Monaten eine intensive Diskussion über Sexismus im Punk Rock. Seht Ihr hier Parallelen zu den Klischees, die Ihr in eurem Song kritisiert?
Tom: In der Punk-Rock-Szene ist Sexismus leider genauso präsent wie in anderen Szenen auch oder in der Gesellschaft allgemein. Männer sind auf der Bühne nach wie vor überrepräsentiert. Erst wenn man ein Bewusstsein entwickelt hat, sowohl für die Klischees, die im Song angesprochen werden, als auch für Sexismus allgemein, kann man bestehende Probleme erkennen und gegenlenken. Die Beschäftigung mit Sexismus fängt bei sich selbst an. Nur wenn man die eigenen Verhaltensweisen, Gedanken und auch z.B. alte Songtexte reflektiert, kann man Muster erkennen, diese ablegen und sich weiterentwickeln. Nur so kann man persönlich wachsen. Es gibt viel zu tun und wir haben – als Menschen, als Szene und als Gesellschaft – noch großen Aufholbedarf in der Hinsicht.

Ihr seid beim Sbäm Label aus Linz in Oberösterreich untergekommen, seid ja aber in Salzburg bzw. im Pongau beheimatet. Wie würdet ihr die Zusammenarbeit beschreiben bzw. haben sich für Euch neue Türen geöffnet dadurch, dass ihr bei Sbäm gelandet seid?
Wolfi: Die Kommunikation läuft während Corona großteils über Online-Kanäle und die Beziehung mit Sbäm ist sehr freundschaftlich. Wir waren ja vor Eintritt schon große Fans von Stefan Beham als Designer und wenn man sich ansieht, welche Bands sonst noch bei ihm sind, fühlen wir uns bestens aufgehoben. Klar öffnen sich immer wieder Türen und man lernt viele neue und unterschiedliche Leute auch übers Label kennen. Diese Bewegung, die da aufrechterhalten wird, tut uns allen gut.

Auf Eurem letzten Album singt Ihr, dass man Euch geraten hat einen Business Plan zu machen. Jetzt habt Ihr einen Song, der „Geniale Dilettanten“ heißt. Habt Ihr inzwischen einen Business Plan und wie professionell seid ihr?
Wolfi: Einen tatsächlichen Business-Plan gibt es nicht, aber die Organisation hat sich doch etwas verändert. Durch die Corona-Situation gibt es wöchentliche Meetings mit Aufgabenlisten, die auf einzelne Mitglieder aufgeteilt werden.
Tom: Je mehr Anfragen reinkommen oder je mehr man selbst an Pressearbeit, Interviews etc. machen will, desto mehr muss man auch organisieren und Zeit reinstecken. Wir haben aber keinen 5-Jahres-Plan oder so, sondern möchten einfach Musik machen und uns dabei aber schon kontinuierlich weiterentwickeln.

Ihr habt ja seit kurzem einen neuen Drummer (Benni). Wie hat sich das ergeben und wie einfach oder schwierig war die Umstellung?
Tom: Unser Drummer Berni ist letztes Jahr aus beruflichen Gründen nach Frankfurt am Main gezogen, also war das mit dem regelmäßigen Proben etwas schwierig. Wir haben dann bald entschieden, dass wir uns nach einem Nachfolger umsehen, verstehen uns aber immer noch super mit Berni, der im Hintergrund weiter bei uns mitgschafteln wird, wie wir im Pongau sagen. Benni kannten wir hauptsächlich von der Salzburger Punkband „3deutige Aussage“. Er spielt nicht nur Schlagzeug, sondern auch hervorragend Bass und hat sich schon nach kurzer Zeit super in die Band eingefügt. Wir freuen uns sehr, dass wir so schnell jemanden gefunden haben, der so gut zu uns passt.

Wie schwer war es für dich, Benni, dich zurechtzufinden?
Benni: Haha! Ich hab mir sehr schwer getan und hab ewig gebraucht, bis es mal irgendwie Spaß gemacht hat. Ich hab hart kämpfen müssen, damit mich Tom und Wolfi nicht die ganze Zeit mobben und die Songs kann ich mir mittlerweile auch anhören, ohne dass ich instant kotzen muss. Läuft also!

Schnelle Fragen, kurze Antworten:
Wer von Euch ist der King vom Pongau?
Benni: Los Fetzos aka El Fetzn aka Wolfgang Boss ..ääh Posch.
Wolfi: El Fetzn hat die Monarchie in der Region ausgerufen. Das Problem ist nur, dass diese Wahrnehmung von niemandem geteilt wird. So zieht die Figur als einsamer Don Quijote durch die Städte und kämpft gegen Windmühlen.

Was sollte man im Pongau kennen?
Wolfi: Auf alle Fälle die zahlreichen Naturjuwele wie etwa den Tappenkarsee oder die vielen Bergwanderwege. Wenn sich Probleme verdichten, kann man hier hervorragend Kraft schöpfen.

In welchen Club in Salzburg würdet ihr jemanden mitnehmen, der Euch besucht?
Wolfi: Definitiv ins „Narrencastl”. Diese Bar, in der wir unser neues Album via Stream präsentieren durften, vereint alles, nach was sich die SalzburgerInnen in den letzten Jahren gesehnt haben: Kleinkunst, Austausch, Community… Das Beisl hatte coronabedingt noch nie offen, wir haben uns aber jetzt schon in die Bar verliebt. Wer es noch nicht am Schirm hat, sollte sich das gut anschauen.

Mit welcher Band würdet ihr gern einmal eine Split EP aufnehmen?
Tom: Da gibt‘s viele coole lokale Bands wie z.B. Happy Hoagascht oder Hurricane Season.
Wolfi: Ich bin auch ein großer Fan von Mindblind, die mit uns das Genre „Mundartpunk“ abdecken.

Mit welcher Band würdet ihr gern einmal auf einem Festival spielen?
Benni: 3deutige Aussage oder Mother’s Cake.
Wolfi: Manu Chao.
Tom: IDLES.

Bier, Wein, oder …?
Tom: Unser Banddrink ist Kalimotxo, Rotwein mit Cola.
Benni: Gin is a guat!

Wenn ihr keinen Punk Rock hört, dann …?
Wolfi: Viel Ska, Reggae und Hip Hop.
Benni: Primus, Gorillaz, Red Hot Chili Peppers
Tom: Alles, was Conor Oberst so macht.

Euer Lieblingsalbum 2020?
Benni: Gorillaz – Song Machine
Tom: Spanish Love Songs – Brave Faces Everyone
Wolfi: Dubioza Kolektiv – #fakenews

Was können wir von Euch noch erwarten? Welche Pläne habt ihr für 2021?
Tom: Am 7. April spielen wir eine Streamingshow im Rockhouse Salzburg und danach können wir hoffentlich bald wieder live vor Publikum auftreten. Besonders freuen wir uns z.B. auf das Sbäm Fest in Linz und hoffen natürlich, dass die meisten verschobenen Shows des letzten Jahres nachgeholt werden können. Daneben schreiben wir beständig neue Songs und versuchen uns auch technisch weiterzuentwickeln. Es gibt also sicher bald wieder Neues von uns zu hören.

Vielen Dank für das Interview.


Das Tough Special zu „Punk in Österreich“: Dieser Artikel ist Teil 3 einer mehrteiligen Serie über die österreichische Punk Rock Szene im Tough Magazine.
Teil 1 dieser Serie findet Ihr unter: toughmagazine.de/special/punk-rock-in-oesterreich-eine-szene-im-aufbruch
Teil 2 findet Ihr unter: toughmagazine.de/interviews/steig-ein-in-den-delorean-rebell-bagatell-im-interview
In den nächsten Wochen und Monaten wollen wir die Serie mit weiteren Bandportraits und Interviews fortsetzen.
Zum Interviewer: Chris Camp lebt in Wien und hört Punk Rock seit 1994. Derzeit spielt er Bass bei Discorrected, plant trotz Corona-Krise das „Pirates Days – Austrian Punk Rock-Festival“: www.piratesdays.at

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