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Interviews

Veröffentlicht am: März 18th, 2019 | durch Florian Puschke

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„Leid(t)kultur: Ghostbastardz im Interview

Mit „Leid(t)kultur“ hat die Punkrock-Band Ghostbastardz ihr neues Album in den Startlöchern. Wir haben uns mit der Band über die Entstehung der Songs, die Hintergründe und viele weitere Themen unterhalten.

Moin, wo erwischen wir euch gerade?
Stevie: Ich gehe gerade meinem Job nach und hab mir mal etwas Zeit für die Fragen genommen. Musikalisch erwischst Du uns mitten in den Vorbereitungen für unser Release.
Lemmy: Beim Kaffeekochen.

„Die Ghostbastardz sind wieder da!“ – was ist es für ein Gefühl, nach 9 Jahren wieder ein Album am Start zu haben?
Stevie: Ich glaube es war uns ein inneres Bedürfnis wieder ein Album aufzunehmen, für das wir uns zugegebenermaßen viel Zeit genommen haben. Aber es ist auch ein Zeichen für uns selbst, dass wir wieder voll im Saft stehen und einige Bühnen bespielen, neue und alte Freunde treffen und einfach eine gute Zeit haben wollen.
Lemmy: Es hat nach der längeren Pause einfach wieder Spaß gemacht, zusammen zu spielen – dass auch noch ein neues Album bei der Sache herauskommt, ist natürlich super.
Jens: Jetzt auch wieder mit neuen Songs auf der Bühne zu stehen, heißt nach der Reunion wieder eine „vollwertige“ Band zu sein; nicht nur quasi die Coverband von uns selbst von vor ein paar Jahren.

Wie liefen die Arbeiten am neuen Werk?
Stevie: „Leitkultur/Leidkultur“ ist für mich ein recht persönliches Album geworden, was aus den Lyrics hier und da auch raus zu hören ist. Ansonsten haben wir, das erste Mal bei einem Album, geschlossen an den Melodien gearbeitet. Vieles ist bei einem von uns als Idee zu Hause gewachsen und dann im Kollektiv umgesetzt worden. Viel haben wir ausprobiert und wieder verworfen, anderes hat fast auf anhieb funktioniert und wurde in einen Song eingebettet.
Lemmy: Im Vergleich zu den Vorgängern war es diesmal ein sehr langwieriger Prozess, den wir aber bewusst so gewählt haben: Viel ausprobiert, viel verworfen und einiges behalten. Dadurch ist das, glaube ich, die VÖ geworden, von der jeder einzelne von uns am meisten mitnehmen kann und auf der wir uns alle wiederfinden.
Jens: Insgesamt war das ganze kreativer als bei den früheren Aufnahmen. Wir haben zu recht frühen Zeitpunkten in der Entstehung der Songs mehr Ideen ausprobiert. Beim Recording selbst war die Herausforderung den richtigen Grad an Perfektionismus zu finden: Nicht zu viel, damit das Ganze nicht überproduziert ist, aber auch nicht zu wenig, damit der Sound wirklich stimmig ist. Ich hoffe wir haben diesen Punkt getroffen.

Ghostbastardz – Leid(t)kultur Album Teaser

Ich denke, es ist ein großer Vorteil, dass ihr auch wieder mit allen Gründungsmitgliedern das Line-Up stellt. War euch das immer klar? Und würde es überhaupt mit anderen Leuten an den Instrumenten funktionieren?
Stevie: Es ist durchaus schon vorgekommen, dass Aggersch aus beruflichen Gründen nicht hinter der Schießbude sitzen konnte und Manuel, ein Freund unserer Band ran musste. Aber Grundsätzlich bestehen wir in dieser Konstellation seit 2003 und das soll auch so bleiben.
Lemmy: Klar war uns das natürlich nicht von vorneherein, aber solange es funktioniert, ist das natürlich super: Never change a running system ;-), sollte sich das mal ändern gehts aber wahrscheinlich auch irgendwie weiter …
Jens: Unter dem Namen konnte es nur in der gleichen Besetzung weitergehen. Ohne einen von uns 4 wären es nicht die Ghostbastardz.

„Leid(t)kultur“ heißt also euer drittes Album, welches am 23.03.2019 erscheinen wird. Für euch wird aus der Leitkultur die Leidkultur – warum?
Stevie: Dieses Land und seine Einwohner verändern sich ständig. Manchmal hat man das Gefühl es herrscht eine „Brot und Spiele“ Mentalität vor. Wer unterhalten wird, stellt keine lästigen Fragen. Meinungen und Ideologien werden ohnehin in den Medien und sozialen Netzwerken mundgerecht serviert und können ohne viel Eigeninitiative und eingehender darüber nachzudenken  übernommen und verbreitet werden. So verändert sich die Leitkultur eines Sozialstaates, in dem sich ein Großteil der Bevölkerung in einer Opferrolle, ohne Möglichkeit selbst etwas verändern zu können, manövriert. Das schürt Angst, Hass und schließlich Gewalt welche durch die eigene  Benachteiligung im Land legitimiert wird. Das sehen wir als Gefahr und so entstand auch der Albumtitel.
Lemmy: Die, die am lautesten nach einer LeiTkultur schreien in dem Land, sind doch die, die in ihrer LeiDkultur vor sich hin leben, sich in die „arme“ Opferrolle zurückziehen und meinen, dass ihnen durch das Wählen irgendwelcher rechter Schrottparteien geholfen wird. Das geht mir tierisch auf die Nerven. Natürlich gibt es eine Menge Ungleichheit, aber nach unten zu treten, oder sich in diese Opferposition zurückzuziehen, ist eben auch ein bisschen zu einfach. Das ist uns eben sehr stark aufgefallen. Persönlich brauche ich weder eine Leit- noch eine Leidkultur, bin somit für mein Handeln auch selbst verantwortlich und der „Rest“  ist mir egal.
Jens: Die Vokabel „Leitkultur“ suggeriert, dass Deutschland ein gemeinsamer, homogener Kulturraum wäre. Mit Blick auf die historische Kleinstaaterei in Deutschland ist dieser Gedanke heute noch genauso falsch wie vor 250 Jahren.

Ich finde, dass ihr viele Texte auf dem Album unterbringt, die einen zum Nachdenken anregen soll(t)en – hat sich in den letzten Jahren doch einiges mehr angestaut, als ihr gedacht habt?
Stevie: Zunächst mal musste ich auch viel über die Texte nachdenken. Ich werde häufig gefragt, auch von mir nahestehenden Personen, wie ich denn auf die Ideen meiner Texte stoße? Die Antwort ist immer dieselbe. Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt, hinterfrage Dinge und versuche mir möglichst objektiv eine Meinung zu bilden. Im Grunde sind die Texte auf der neuen Platte eben diese Gedanken die wir teilen möchten.
Lemmy: Ich würde nicht sagen, dass sich bei uns zwangsläufig mehr angestaut hat, das klingt ja so, als wäre unsere Platte musikgewordene Psychotherapie. Manche Themen sind leider auch während unserer Pause nicht einfach verschwunden, so dass wir sie natürlich in unseren Texten aufgreifen – dazu gehören dann eben auch die Tendenzen die wir als negativ bewerten und mit unseren Texten idealerweise auch andere zum Nachdenken bewegen wollen.

„Alles im Fluss“ – wie gerne würde man das doch jeden Tag sagen, oder? Was hindert einen eigentlich daran? Woran scheitert es?
Stevie: Alles im Fluss ist ein Titel der mir sehr am Herzen liegt. Einfach mal Aufstehen, sich den Kaffee schmecken lassen und dankbar für das zu sein was man hat. Ich glaube in einer Wohlstandsgesellschaft wie unserer, ist es oft schwer den Hals voll zu bekommen. Ein größeres Auto, ein schönes Haus und ein bisschen mehr Kohle dürfte es auch sein. Parallel dazu sieht man jeden Tag das Elend der Welt und vergisst dabei Vergleiche zu ziehen und sich ein bisschen in Demut zu üben. Da auch wir uns davon natürlich nicht frei sprechen können, soll uns dieses kleine Lied wenigstens daran erinnern ab und an mal auf dem Teppich zu bleiben.
Lemmy: Eines meiner Lieblingslieder auf dem Album! PMA, sich auf die für einen persönlich wichtigen Dinge konzentrieren und los geht’s. Und sich vor allem selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

„Was ist mit heute“ – einfach mal die Vergangenheit ruhen lassen. Warum gucken immer noch so viele Menschen zurück/nach hinten und warum sollten genau diese Menschen nach vorne sehen?
Stevie: Das ist pauschal gar nicht zu beantworten, dafür müsste ich die Lebenssituation eines Jeden kennen. Ein schwer kranker Mensch zum Beispiel sehnt sich sicherlich die  Zeit zurück, in der er Gesund war und das ist auch für jeden nachvollziehbar. Wenn es aber darum geht Dinge anzupacken, um sie positiv für sich zu verändern, spielen oftmals Dinge wie Versagensängste , Zukunftsängste und Resignation eine übergeordnete Rolle. Diesen Menschen fällt es leichter in die Vergangenheit zu blicken, in der sie eventuell noch nicht selbst und vollumfänglich für ihre Lebensgestaltung verantwortlich waren. Die Vergangenheit ist nicht mehr zu verändern und kostet somit weniger Energie als das Gestalten der Zukunft.
Lemmy: Wahrscheinlich weil es leichter ist? Und wahrscheinlich auch, weil die Retrospektive einen eingebauten Weichzeichner hat: Selbst der größte Mist kann so zur Nostalgie verklärt werden. „Weißt du noch“ statt „Auf geht’s“. Nicht nur unter politischen Gesichtspunkten, sondern auch private Themen betreffend, graben sich immer mehr Leute in ihrem „Früher“-Bunker ein, dabei gibt es heute noch so viel zu erleben und so viele Biere zu trinken.
Jens: Der Blick auf die Zukunft sollte immer der entscheidende sein. Die Vergangenheit ist nur bis Weg bis hierher. Wenn ich 20 cm vorm Abgrund stehe, sind die Schritte bis hierhin nicht das Problem! Warum diese eigentlich recht einfache Erkenntnis oft nicht wahrgenommen wird, ist mir schleierhaft…

„Spezies Mensch“ – darüber könnte man auch einen wochenlangen Vortrag halten, denke ich, oder? Was läuft schief? Warum gibt es nur noch Neid, Missgunst und Verachtung…?
Stevie: Die niedrigsten Instinkte der Menschen verschwinden nicht einfach mit der Entwicklung von Moral, Glauben und dem Gestalten von Zivilisation. Die, welche den Zeigefinger am höchsten heben, haben oft den meisten Dreck am stecken. Heute ist es vielen Menschen wichtiger was andere über sie denken, als das was sie selbst von sich halten. Wenn die Fassade bröckelt, wird es dann hässlich und die Menschen zeigen ihr unschönes Gesicht.
Lemmy: Ich glaube, ich wiederhole mich, aber wie ich davor schon geschrieben habe: Weil es leichter ist. Es ist leichter, sich auf Missgunst zurückzuziehen und anderen die Schuld zuzuschieben – das ist ja quasi schon eine „gute“ Tradition. Aber auch wenn wir die „Philosophen dieser Tage“ mal besungen haben: ein bisschen zu philosophisch wird es mir jetzt schon.
Jens: Da hängt glaube ich ein Teil in der Entwicklung der, wortwörtlichen, Spezies Mensch; sprich dem Homo Sapiens. Wir denken in der Regel an unseren eigenen Vorteil gegenüber anderen bzw. den unserer Kleingruppe gegenüber anderen Kleingruppen. Ähnliche Verhaltensweisen gibt’s aber auch überall anders in der Tierwelt. Wir Menschen koppeln diese Veranlagung dann noch mit dem eigenen Selbstbild als ultimativem Statussymbol. Das führt dann z.B. dazu, dass man auf Konzerten eine Armada an Smartphones ständig Fotos & Videos machen oder sogar ganze Gigs streamen sieht. Als wäre man nie wirklich auf dem Konzert gewesen wenn es auf Social Media niemand sieht

Das Album erscheint auch auf Vinyl – ein langer Traum von euch, der jetzt endlich wahr wird? Sammelt ihr selbst? Was ist die größte Rarität, die ihr im Regal habt?
Stevie: Ja, das wollten wir unbedingt. Vinyl hat eben diesen ganz besonderen Charm. Lemmy hat wohl die größte Sammlung von uns, auch ich sammle und meine Schätze sind all meine Cock Sparrer platten, mitunter noch aus den Neunzigern.
Lemmy: Wie Stevie schrieb, war uns das diesmal sehr wichtig und wir sind unserem Label Steeltown Records sehr dankbar dafür, dass es von der neuen Scheibe eine Auflage in Vinyl gibt. Für mich persönlich ist es das schönste Musikmedium und wenn dann auch noch die eigene Platte auf Vinyl herauskommt, umso besser. Vielleicht bringen wir auch irgendwann nochmal die Vorgänger auf Vinyl raus, sofern es Leute gibt, die sich überhaupt dafür interessieren.

Menschen, die immer nur das Negative sehen oder nur durch das Lügen im Leben weiterkommen – gibt es für euch ein Motto/eine Lebensweisheit, nach dem/nach der ihr euren Alltag bestreitet?
Stevie: Wir sind zum Teil Familienväter und haben in unseren Leben schon das eine oder andere durchgemacht. Am Ende des Tages sind wir alle Mitdreißiger, die wohl wissen, dass man andere Menschen nicht verändern kann. Ich halte es für wichtig aufrichtig  zu sein und sich um die Menschen zu kümmern, die einem nahe stehen. Und das ganz ohne Slogan den man sich auf die Fahne schreibt ;-)
Lemmy: So sieht’s aus. Zusehen, dass es dem eigenen Umfeld gut geht und aufeinander aufpassen. Für die, die ein Lebensmotto brauchen gibt es ja dann die Kalendersprüche und Memes in den sozialen Medien…

Auch live gibt es bereits einige Daten. Wie kann/muss man sich einen Abend mit euch vorstellen?
Stevie: Wir versuchen immer unser Bestes zu geben und haben einfach Spaß an der Musik. Es gibt nichts besseres, als zu spüren dass man das Publikum berührt und mitnimmt. Zusammen eine gute Zeit zu haben ist dabei unser primäres Ziel. Auch nach den Gigs quatschen wir gerne mit den Leuten und genießen eine lockere Atmosphäre auch wenn mal ein Ton schief klingt J
Lemmy: Für mich gibt es bei der Musik nichts Schöneres als durch die Gegend zu fahren, versuchen eine gute Show zu spielen, Leute zu treffen und gemeinsam Spaß zu haben.
Jens: Laut & feuchtfröhlich!

Vollendet folgende Sätze:
Wir legen alles in Schutt und Asche, weil…
Stevie: … dann daraus etwas Neues entstehen kann.
Lemmy: …und der Sound gut ist ;-)

Vielleicht ist vielleicht irgendwann zu spät, weil…
Stevie: …wir nur einmal leben!
Lemmy: …jetzt besser als später ist.
Jens: …du schlicht nicht weißt was in die Zukunft bringt.

Punkrock ist das richtige Lebensgefühl, weil…
Stevie: …jeder das tun kann was er möchte und worauf er Bock hat.
Lemmy: …und die Musik die bessere ist.

Wetzlar ist einer der schönsten Städte, weil…
Stevie: …sie trotz ihrer geringen Größe lebhaft ist und sich aktiv gegen Rechts engagiert.
Lemmy: …sie für mich sehr verkehrsgünstig liegt und es zum Glück keine lokale Brauerei mehr gibt.

Was bedeuten euch folgende Wörter?
Familie („La Familia“)
Stevie: Muss nicht unbedingt die sein in die man hinein geboren wird.
Lemmy: Ist Lied 13 auf der Platte und ein Privileg.
Jens: =Freunde.

Freunde
Stevie: Die engen können zur Familie werden.
Lemmy:  Können auch nach einer Pause wieder ein Album raushauen.
Jens: = Familie

Slimer
Stevie: Kult und immer wieder gerne gesehen.
Lemmy: Slimer und kein Bier – unsere Nemesis.

Ghostbastardz 2025
Stevie: In Urbesetzung.
Lemmy: Entweder noch am Start, in Rente oder im Urlaub.
Jens: Mit Sicherheit noch mit ner Menge Spaß an der Musik am Start.

Tough Magazine
Stevie: Verfolge die Artikel und Interviews in den sozialen Netzwerken und lese sie immer wieder gerne. Daumen hoch!

Interview von Florian im März 2019

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