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Interviews

Veröffentlicht am: Januar 8th, 2020 | durch Florian Puschke

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„Generation Slave“: The Swipes im Interview

Aus Frankfurt kommen die The Swipes und bringen uns mit „Generation Slave“ ihr drittes Album, das wie dir Vorgänger „Lost“ und „Destroy your World“ gute Melodien und wichtige Texte zu bieten hat. Zu diesem Release beantwortet Frontmann Stefan uns einige Fragen.

Lieber Stefan, zuerst einmal vielen Dank, dass ihr du dir die Zeit nimmst. Wobei erwischen wir dich gerade?
Stefan: Nun, Du ertappst mich gerade beim Beantworten eines Interviews. Dabei habe ich vor 30 Jahren ein Schweigegelübde abgelegt, dass ich nun breche. Heiliger Mist!

The Swipes sind nicht deine erste Band. Was machen deine vorherigen Projekte und würdest du dich als Kasseler Schule-Junge bezeichnen wollen?
Stefan: Ich würde mich als Wolfhager Schule-Junge bezeichnen, aber natürlich hat Kassels Musikszene der 90er einen großen Einfluss auf die Wolfhager Szene gehabt. Und umgekehrt. In beiden Szenen mischten auch Wolfhager Musiker mit: Zum Beispiel der Besitzer der Kasseler Kult-Bar „Mutter“ Till von King Khan & The Shrines oder Brezel Göring von Stereo Total. Neben diesen genannten Beispielen: Bands aus dem Umfeld der Kasseler Szene wurde zum Teil auch ziemlich bekannt. So zum Beispiel The Bates, mit denen ich oft mit meinen Bands auf Tour war und wo ich als Fahrer und Backliner manchmal ausgeholfen habe. Nicht zu vergessen die Rykers… Meine vorherigen Projekte gibt es alle nicht mehr, mit Ausnahme der Lost Lyrics, wo ich 1992 – 1994 die zweite Gitarre gespielt hatte und die bis heute aktiv sind. Alle 5 Jahre spiele ich dann mal einen Song beim nächsten Jubiläum mit, was immer recht lustig ist. Ansonsten: Die Swoons sorgten von 1990 – 2015 für Krach, Psycho Gambola von 1999 – 2002 und die Popzillas von ca. 2002-2007.

The Swipes sind nun seit 2007 am Start. Wie ist die Band entstanden und was definiert für dich den Sound von The Swipes?
Stefan: Nach dem Ende der Popzillas wollte ich etwas neues starten und stieß ganz unspektakulär per Anzeige auf eine Frankfurter Band in Findung, die damals nach einem Sänger suchten. Zu Beginn war es eine Zeit lang eine reine Übungsraum-Band ohne größere Ambitionen, jedoch in 2010 erschien schließlich doch das Debüt-Album „Destroy your world“ auf Kamikaze Records und die Konzerte wurden mehr. Der Sound war damals noch eine Mischung aus Beat, Garage-Rock und melodischen Punkrock. Auch surfige Instrumentals waren verstärkt mit im Set. Mit dem zweiten Longplayer „Lost“ von 2013, der auf CD und LP bei Mad Butcher Records erschien, wandelte sich der Sound mehr hin zum melodischen Punkrock mit alternativen Gitarrenrock-Anteilen und der 60’s-Soundeinfluß wurde geringer. Nach einer Umbesetzung erschienen in 2014 und 2015 zwei Maxi-CDs und in 2019 nun das aktuelle Album „Generation Slave“ auf CD und LP im Vertrieb von No Balls Records. Und gerade haben wir auf dem Project Shelter-Soli-Sampler „All cats are beautiful“ in ganz neuer Besetzung den Song „Solidarity Land“ beigesteuert.

Mit „Generation Slave“ habt ihr euer drittes Album am Start. Erzähl was über die Entstehung des Albums! Wie kam es zu dem Titel?
Stefan: Es entstand über einen Zeitraum von 2 Jahren und in zwei unterschiedlichen Studio-Sessions – hauptsächlich, weil wir zu Beginn nicht genug Budget hatten, um es auf einmal aufzunehmen. Das führte aber glücklicherweise auch dazu, dass 2-3 Songs, die ursprünglich für die zweite Session geplant waren, gegen brandneue Songs ausgetauscht wurden. Darunter auch der Song „Generation Slave“, ohne ihn hätte das Album sicherlich einen ganz anderen Titel und vielleicht auch eine andere Ausrichtung bekommen. Musikalisch ist die Band über die letzten Jahre im Sound sehr viel kompakter geworden: Deutlich mehr Punkrock, eine Brise mehr Schweinerock, mehr Wut und Attitude. Letzteres spiegelt sich auch in meinen Texten wider – es ist sicherlich ein sehr politisches Album. Wahrscheinlich sogar die politischste Platte, die ich bisher gemacht habe, obwohl ich mich bei Psycho Gambola sicherlich auch schon an sehr viele politischen Themen abgearbeitet hatte. Der rote thematische Faden, den der Titel beschreibt, zieht sich durch fast alle Songs: Die Abhängigkeit, in die sich unsere reiche „freie“ Welt begeben hat und auf er anderen Seite die Abhängigkeiten und Ausbeutung, die unsere. Gesellschaft skrupellos und Hass schürend auf dem Rest des Planeten betreibt. Wir verantworten eine Generation Slave und sind doch auch selbst eine. Utopien des grenzenlosen Wachstums-Wunderlands inkl. seiner Technik-Sensationen und des unbekümmerten Weiterso, der unbeirrte Raubbau an Natur und Mensch, offensichtliche Fakes News und virtuelles Leben als akzeptierte und erstrebenswerte Realität, zunehmender Populismus und Rechtsradikalismus im Netz und auf den europäischen Straßen, das allgemein akzeptierte Sterben im Mittelmeer zur Sicherung des eigenen Komforts – man kann, pardon my French, eigentlich nur noch täglich kotzen. Es macht mich deutlich mehr als wütend, wie sehr sich praktisch alle Regierungen weiterhin darauf ausruhen, die drohende klimatischen und sozialen Katastrophen als Verantwortung schulterzuckend und lächelnd an die nächste Generation abzuschieben. Solange die Kohle stimmt, ist für Lobby-Politiker alles bestens. Demokratien wählen Clowns wie Trump und Johnson, um sich immer nationalistischer zu positionieren, statt die Probleme anzugehen, die uns alle den Hals kosten dürften. Ich verstehe es nicht und ich werde es auch niemals akzeptieren. Als ich in den frühen 90ern zu touren anfing, gab es diese anstrengenden Themen natürlich auch schon alle, es ist nichts neues. Erstaunlicherweise hat sich aber – in den wirklich wichtigen Fragen – bis heute nur wenig bewegt. In den 90ern hatte ich z.B. den Eindruck, dass man keine Songs mehr „gegen Nazis“ schreiben müsste. Es gab einfach davon schon so viele, alles war gesagt. Heute glaube ich an das Gegenteil. Besonders, seit Regierungspräsident Walter Lübke in meiner beschaulichen Heimatstadt Wolfhagen erschossen wurde. Der rechte Terror ist eben schon vor der eigenen Haustür angekommen, auch wenn ich schon zwei Jahrzehnte in Südhessen lebe. Es kann gar nicht genug Songs gegen Nazis, Umweltzerstörung und soziale Missstände geben – sie sind leider wichtiger denn je. „No medals, no honour“ ist unser bescheidener Anti-Nazi-Beitrag dazu. Es muss natürlich jeder für sich entscheiden, aber für mich hat ein Musiker der alternativen Musikszene auch eine soziale Verantwortung und Vorbildfunktion. „Generation Slave“ dokumentiert meine Sicht auf die Welt und ist sicherlich irgendwo auch ein Spiegelbild unserer heutigen Gesellschaft. Ob Musik wirklich etwas verändern kann, ist eine oft bemühte Diskussion. In jedem Fall kann sie ein effektiver Multiplikator sein. Etwas, das Menschen zusammenbringt, die an einem Strang ziehen, um die Erde wirklich zu einem besseren Ort zu machen. Wenn das Album einen winzigen Anteil daran hat, bin ich schon glücklich.

TOUGH-TIPP: CD-Review „The Swipes – Generation Slave“

Auch das Cover des Albums lässt einen nachdenken. Welche Geschichte hat diese verschmutzte Badewannenente hinter sich?
Stefan: Ich hatte verschiedene Plattencover für das Album entworfen, darunter auch blutige Hände und ein im Meer versinkender Mensch, die die Schuld Europas am Massensterben im Mittelmeer wiederspiegeln sollten. Letztlich entschied sich Band aber für ein Symbol der Unschuld, die Badeente. Aber eine Badeente, die ganz offensichtlich bereits eine schlimme Zeit hinter sich gebracht hat und somit alles andere als unschuldig wirkt. Sie könnte auch einem Stillleben aus einem Horrorfilm entsprungen sein. Es ist eine bildliche Metapher für das Leid und das Sterben im Mittelmeer. Im Layout der CD, die Vinylversion ist wegen aufwendigem Siebdruckcover schlichter gehalten, findet man dann noch viel Wasser und Fetzen von Rettungswesten. Im Inneren gibt es dann auch noch einen Auszug aus einer Dokumentation von United über die bis 2017 bereits über 33.000 registrierte Toten, die bei der Flucht über das Mittelmeer umkamen – auf Grund der restriktiven Politik Europas. Wenn man das überhaupt Politik nennen kann. Ich ordne es eher zwischen fahrlässiger Tötung bis Mord ein.

Euch liegen vor allem Projekte wie „Back to life“ aber auch „Sea Watch“ am Herzen. Der Erlös der Singles geht an „Back to life“ und von der neuen CD/LP geht pro verkauftem Tonträger eine Spende an „Sea Watch“. Wie kam die Kooperation mit diesen Projekten zustande?
Stefan: Seenotrettung ist kein Verbrechen – wie uns Europa, allen voran Italien, glauben lassen will – sondern eine humanitäre Pflicht und vor allem geltendes internationales Recht. Solange es keine sicheren Wege für Asylsuchende gibt und Fluchtursachen nicht auf humane Weise bekämpft werden, ist es ein absolutes Minimum die Menschen aus dem Meer zu fischen. Dass dies private Seenotrettungsschiffe übernehmen müssen, ist schlichtweg eine Schande für unser Europa, den Friedensnobelpreisträger. Unser Waffenexporte und unsere aggressive Handelspolitik sind nur zwei Beispiele für die Destabilisierung von afrikanischen Ländern. Wenn wir den Menschen Leid bringen und die Lebensgrundlage für noch mehr Profit rauben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie schließlich verzweifelt zu uns kommen. Wer nichts mehr zu verlieren hat, riskiert eben auch alles. Mir ist schleierhaft, warum nicht mehr Menschen in Europa dafür stimmen, dass diese ganzen rechtsradikalen Schreibtischtäter endlich abgesetzt werden und Menschen mit einer sozialen Verantwortung und einem Gewissen das Steuer übernehmen. The Swipes spenden an Sea Watch, weil es derzeit die für uns prominenteste NGO mit Signalwirkung auf dem Gebiet der Seenotrettung ist. Back to Life ist eine Hilfsorganisation für Nepal, die u.a. Schulen und Geburtshäuser im Himalaya für Bedürftige baut. Ich habe für die NGO einige Jahre gearbeitet, daher die Verbindung. Nun sehen wir aber für die Swipes brennendere Themen, die sofortige Unterstützung brauchen. Im Dezember 2019 haben wir zum Beispiel zusammen mit den Stage Bottles ein Soli-Festival für Project Shelter gespielt, die Erlöse kamen obdachlosen Migranten in Frankfurt zu Gute. Darüber hinaus haben wir uns entschlossen, möglichst CO2-neutrale Konzerte zu spielen und leisten für Konzertfahrten nun Ausgleichszahlungen an Naturprojekte. Auch haben wir bei der neuen CD bewusst darauf verzichtet, Plastik zu verwenden. Außer der CD selbst ist alles aus Papier. Wir stellen also an kleinen Stellschrauben, um unseren Beitrag zu leisten, im Rahmen unserer Möglichkeiten. Jeder kann sicherlich irgendwas tun. Vielleicht folgen Bands und Musiker unserem Beispiel, das würde uns freuen!

Auch der tolle Song „You call it fake news“ wartet mit einem wichtigen Text auf. Was denkst du: Wie vergiftet ist die Gesellschaft durch solche „Fake News“ und was kann man dagegen tun?
Stefan: Unsere mediale Bequemlichkeit verleitet uns immer öfter dazu, gut gemachten Layouts und reißerischen Parolen Glauben zu schenken. Der rechtspopulistische bis rassistische Noise, die von AfD bis Trump als Gift verspritzt wird, lässt uns immer krassere Äußerungen als Normalität wahrnehmen und uns mittlerweile mit der Schulter zucken. Das führt dazu, dass Menschen, die vielleicht nicht die Möglichkeit oder den Willen haben, falsche Informationen zu hinterfragen, diesen Rattenfängern blind oder mit Schaum vor dem Mund folgen. Fake News sind Normalität, selbst wenn sie ganz offenkundig falsch sind. Es ist nicht mehr wichtig, eine Richtigstellung liest später sowieso kein Mensch mehr. Erst einmal wird gezielt Empörung geschürt und anschließend ein Wahlkampferfolg nach dem anderen eingefahren. Ich hoffe zwar, dass irgendwann der Wasserhöchststand der braunen Flut erreicht ist und die politische Unfähigkeit dieser Anzug-Nazis auch den sogenannten Protestwählern klar wird. Aber bis dahin kann viel Schaden angerichtet werden. Auch Hitler brauchte keine Mehrheit, um an die Macht zu kommen. Das, was so vielen Menschen mit Verstand so unbegreiflich ist, ist die Dreistigkeit und die Aggressivität, mit der diese rechten Lügenmärchen inszeniert werden. Bild- und Videobearbeitungsprogramme sind eben heutzutage so intuitiv zu bedienen, dass auch stumpfe Hass-Prediger damit umgehen können. Das ist bedauerlich und braucht nun eine Menge Fantasie, um eine erfolgreiche Gegenbewegung zu steuern. Natürlich ist es erste Bürgerpflicht gegen Hass und Hetze und eben auch Fake News anzustehen. Ob im Netz oder im Alltag. Manchmal wissen rechte Pöbler und Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-Dürfer ja auch irgendwann nicht mehr weiter. Doch meist geht es gar nicht um bessere Argumente, sondern um Hass und Spaltung. Deshalb sind, meiner Meinung nach, all diese kleinen Kämpfe in den Kommentarspalten auch ein relativ aussichtsloser Kampf. Rechte Internetkader und Bots scheinen die Öffentlichkeit in Social Media zu dominieren, tatsächlich schreien sie nur lauter und sind eben gut organisiert. Das können Einzelpersonen ohne entsprechende Struktur im Hintergrund eigentlich nicht schaffen. Ich glaube, dass wir zuerst alle damit anfangen sollten, das Spiel der Rechten einfach nicht mehr mitzuspielen. Das bedeutet: Rechte Provokationen ins Leere laufen lassen. Nicht mehr jeden Nazi-Mist empört teilen. Ich bin mir sicher, dass dadurch die AfD in kürzester Zeit auf unter 10% rutschen würde. Das ist immer noch zu viel, aber ein Anfang.

„Private War“ als Ode an stumpfe Maulhelden. Welche Geschichte hat dieser Song?
Stefan: Nun, es ist eine Ode an stumpfe Maulhelden, haha. Der Song hat keine größere Geschichte, er ist nur ein schneller Stinkefinger an all die Schwätzer, Besserwisser, Hobby-Sexisten und Teilzeit-Rassisten dieser Welt. Alles schön straight forward. Und ich hab noch ein Theremini gespielt, das passte so schön. Oder auch nicht, haha.

Auch das Stück „Requiem for Nepal“ hat mich vereinnahmt. Wie wichtig sind dir solche Songs, die neben guten Melodien auch wichtige Botschaften beinhalten?
Stefan: Der Song entstand kurz nach den Erdbeben in Nepal in 2015 bei dem um die 9.000 Menschen starben. Nur 4 Wochen zuvor war ich noch selbst an Orten in Kathmandu unterwegs, die dann völlig zerstört wurden. Es hätte mich also auch ganz einfach selbst treffen können. Durch die Katstrophe sind sehr viele Kulturschätze unwiederbringlich verschwunden, Familien verloren ihre Häuser und im schlimmsten Fall auch Angehörige. Doch zum Glück, muss man sagen, fand das erste große Erdbeben von zweien an einem Samstag statt, dem einzigen Tag der Woche in Nepal, an dem die Schulen geschlossen sind, denn auch sonntags herrscht Unterrichtspflicht. Insgesamt stürzten ca. 30.000 Klassenzimmer in sich zusammen – die Opferzahl wäre wahrscheinlich eklatant höher gewesen, wenn die Kinder in dem Moment Unterricht gehabt hätten. Vielleicht wären dann viele 100.000de Tote zu beklagen. Es war das große Beben, auf das man viele Jahrzehnte schon mit Angst gewartet hatte – die tektonische Spannung im Himalaya entlädt sich in kleineren Beben häufig, aber alle paar Jahrzehnte in großem Maße. Was aber in Europa nicht sonderlich bekannt ist: Indien schloss nur wenige Zeit nach der Katastrophe seine Grenzen, um Nepal zu erpressen, seine neue Verfassung zu Gunsten indisch-stämmiger Nepalis zu ändern. Da Nepal sich weigerte, verhängte Indien ein 6-monatiges Embargo für Kraftstoffe und machte einfach die Grenzen dicht. Das war so einfach umzusetzen, da Nepal außer im Norden, wo Tibet liegt, komplett von Indien umschlossen ist. Zudem besteht in Nepal in wirtschaftlicher Hinsicht eine extrem hohe Abhängigkeit von Indien. Durch das Embargo kam es fast zu einem völligen industriellen Stillstand im Himalayastaat: Fabriken lagen brach, Busse konnten nicht mehr fahren, an Tankstellen bildeten sich kilometerlange Schlangen, in der Hoffnung noch etwas Kraftstoff zu ergattern. Auch Gas wurde nicht mehr geliefert, die Leute mussten selbst in Hotels in Kathmandu in Hinterhöfen mit Holz kochen. Insgesamt – man mag es kaum glauben – war der ökonomische Schaden der indischen Blockade größer als der des Erdbebens und zeugt von einer eiskalten Grausamkeit der indischen Regierung. Mir sind Botschaften in Songs immer wichtig. Ich bin nicht der Typ für die simplen Gute Laune-Lyrics, das können andere besser. Auf der anderen Seite darf der Song unter dem Text natürlich auch nicht leiden, es muss am Ende immer gute Musik rauskommen – nicht nur ein Transportmittel für Botschaften. Wie die meisten schreibe ich die Songs zuerst instrumental, oft schon mit entsprechenden Gesangsmelodien. Betexten erfolgt in der Regel erst nach Wochen des Arrangierens im Proberaum, bei dem wir verschiedenen Fassungen ausprobieren. Es ist selten, dass zuerst eine Textidee besteht, die ich vertone. Wobei das streng genommen eigentlich einfacher ist, die Beatles haben wohl oft so gearbeitet.

Kommen wir zu den Botschaften. Eure CD ist gefüllt mit guten und kritischen Texten. Wie viel kann man eurer Meinung nach noch mit Rockmusik bewegen?
Stefan: Die Frage kann ich nicht allgemeingültig beantworten. Da müsste man eine Erhebung unter hunderten von Rockbands machen, um ein quantitatives und qualitatives Ergebnis zu erzielen. Manche Songs werden zum Soundtrack einer musikalischen Epoche oder ganzen Generation, heute ist das aber in der Tat viel schwieriger geworden, da viel Pfade musikalisch und textlich bereits beschritten sind. Im Vergleich zu früher enorm existieren auch mehr Freiheiten für Musiker wie auch in der Gesellschaft. Welche sozialen oder politischen Grenzen will man heutzutage noch einreißen? Doch am Ende ist es zu Beginn immer eine gute Idee, die erst bei wenigen zündet, dann aber immer größer wird. Vor Greta Thunberg hätte man auch mitleidig lächelnd hinterfragen können, was es bringt, alleine für den Umweltschutz zu demonstrieren. Was aber auf jeden Fall stimmt, ist, dass Rockmusik heutzutage in der westlichen Welt niemanden mehr ernsthaft provoziert, es ist allgemein akzeptierter Bestandteil der Mainstream-Kultur geworden. Von künstlicher rechter Empörung um eine Band wie Feine Sahne Fischfilet mal abgesehen. Egal, wie musikalisch hart und politisch die Musik ist, eine Band müsste schon gezielt Skandale provozieren, um durch pure Attitude weltweite Aufmerksamkeit zu erzielen. Marketingmassnahmen und ein großes Budget helfen natürlich das auszugleichen, aber Musik ist heute in erster Linie eben ein Produkt, keine kulturelle Revolution, wie sie in den 50s und 60s ausgelöst wurde. Meint, es ist ein sehr schnelllebiges Thema. Dabei sind Tonträger fast überflüssig geworden, weil alle Welt nur noch streamt – vom erfreulichen Vinyl-Revival abgesehen. Wer von der Musik leben will, muss sich zwangsläufig den Mechanismen anpassen, Konzerttickets sind deshalb auch so unverschämt teuer geworden. Absurderweise zahlen die Menschen aber auch diese überteuerte Karten, ohne mit der Wimper zu zucken. Kleine Clubkonzerte werden dagegen immer trostloser, da immer weniger Menschen die Live-Kultur ihrer Stadt schätzen, nur große Events werden immer besser besucht. So zumindest mein Eindruck. Bands wie wir – die lieben, was sie tun, auch wenn es am Ende finanziell unattraktiv ist – versuchen die Fahne der unabhängigen musikalischen Kunst hochzuhalten. Das tut oft weh, aber erfüllt uns auch mit Stolz. We are here, where are you ?

Da mir viele Songs auf dem Album gut gefallen, würde ich gerne von dir die drei Anspieltipps hören. Welche Songs würdest du Freunden aber auch Kritikern empfehlen und warum?
Stefan: Den Titelsong „Generation Slave“, weil er die Wut der Platte am besten bündelt. „Requiem for Nepal“, weil er für mich der persönlichste Song der Platte ist, von „Parody of love“ mal abgesehen. Und „Quadrophobia“, weil er für mich ein düsteres Abbild unserer Zeit ist, wie niederträchtig und verlogen Menschen mit Migranten umgehen können.

Mit „Generation Slave“ habt ihr nach „Lost“ und „Destroy your World“ wieder einen aufweckenden Titel im Programm. Auch die Texte der Alben sind oftmals kritisch. Wie unterscheiden sich die Alben deiner Meinung nach und welche CD würdest du denn dem Neueinsteiger empfehlen wollen?
Stefan: Naja, so ziemlich jeder Musiker wird sagen, das neue Album ist das Beste. Das alte war auch gut, aber das neue ist natürlich viel besser. Es liegt an Fans, Kritikern und der Musikgeschichte, den Output einer Band zu bewerten. Ich bin da schlichtweg nicht objektiv genug. Aber was ich als Komponist sagen kann, ist, dass das neue Album der Swipes musikalisch viel entschlossener, härter und politisch als seine Vorgänger ist. Also, das neue Album ist natürlich das Beste, haha.

Als politisch engagierte Band kann man auch Botschaften von der Bühne aus verbreiten. Wo wird man denn The Swipes live sehen können?
Stefan: Natürlich geht es nicht um den erhobenen Zeigefinger aus dem Elfenbeinturm, aber es ist eben konsequent, zu politischen Songs live auch entsprechende Erklärungen abzugeben. Unsere englischen Texte werden bei Konzerten ja vielleicht auch nicht immer sofort verstanden, Club-PAs sind oft keine Klangwunder. Wir sind am 18.1. in Mühlhausen in der Kulturfabrik, am 01.02. in Barsinghausen im ASB Bahnhof Basche, am 07.03. in Emmendingen im Schlosskeller, am 09.04. im Ponyhof in Frankfurt und am 30.05. im Clochard in Hamburg. Weitere Gigs kommen bald…

Wenn ihr euch eine Band aussuchen dürftet, mit der ihr gerne zusammenspielen dürftet. Welche wäre das und warum?
Stefan: Für mich persönlich The Who, meine Helden. Danach kämen Leatherface, mit denen ich mit Psycho Gambola schon mal die Bühne teilte. Wir würden uns natürlich sehr freuen, vor größerem Publikum zu spielen ¬– zusammen mit einer Band, die musikalisch gut zu uns passt. Zum Beispiel vor Royal Republic, das ist höchstes R’n’R-Entertainment.

Was bedeuten dir die folgenden Begriffe?
Tagesschau
Stefan: Die App ist das erste, was ich morgens lese. Meine Zeitung sozusagen.

Tick Tack Time Machine
Stefan: Einer der besten Songs von der „Lost“-Platte, der schleunigst wieder ins Live-Set sollte.

Welcome to Lo-Fi School
Stefan: Ein Song vom ersten Album, der in letzer Sekunde im Studio in die Form gegossen wurde, mittlerweile aber zu unseren beliebtesten Live-Songs zählt…

Big Mäc Vibrator
Stefan: Der merkwürdige Titel eines uralten Swoons-Songs, dessen Bedeutung mir selbst entfallen ist. Provokation, Rockmusik, Sex sells oder so etwas wollte ich vermutlich damit erreichen. Ich war jung und brauchte dringend das Geld. Hat aber nicht geklappt. Ich glaube, die Nummer war nur auf dem ersten Demo zu hören. Was mich zu der scharfsinnigen Analyse bringt, dass mein Gesprächspartner ebenfalls ein prähistorischer Musiknerd ist.

Punkrock 2020
Stefan: Same as 2019

Tough Magazine
Stefan: Das Beste, das Schönste und das musikalischste Musikmagazin

Vielen Dank für das Interview. Die letzten Worte gehören euch.
Stefan: Dann nehme ich die letzten Worte mit nachhause. Aber seid fruchtbar und mehret Euch nicht. Überbevölkerung, Ressourcenknappheit und Scripted Reality-Shows, Ihr wisst schon… Seid aber total modern und besucht uns auf www.the-swipes.com ! Thanx!

Interview von Thorsten im Januar 2020

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