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Interviews

Veröffentlicht am: April 4th, 2020 | durch Florian Puschke

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Corona-Virus: Das Interview (Teil 1)

Schwierige Zeiten, in denen wir uns momentan befinden; auch für Bands und Künstler ist es selbstverständlich nicht leicht. Wir haben uns mit einigen über die aktuelle Lage, die Zukunft und weitere Themen unterhalten. Mit dabei sind Lasse (Schreng Schreng & La La), Nick (Subkultura Booking/The Bloodstrings), Daniel (Maffai), Chri (Rogers), Der Ole (Der Ole), Chris (Illegale Farben), Mel/Chris/Ziggy (Shirley Holmes), Olli (Radio Havanna), Markus (BAR) und Basti (Rong Kong Koma).

Das Coronavirus hat die Welt zur Zeit im Griff – erstmal die Frage: Wie geht es dir/euch?
Lasse (Schreng Schreng & La La):
Mir und meiner Familie geht es gut. Wir hatten die „normale“ Grippe und lagen deshalb 10 Tage flach und haben uns in Eigen-Quarantäne gesetzt, da wir nicht getestet wurden. Erst, als das Fieber meines Sohnes nicht runter ging, haben wir Tests (Blut etc.) bei dem Kleinen gemacht, so dass Covid 19 ausgeschlossen werden konnte.
Nick (Subkultura Booking/The Bloodstrings): Man hält durch. Ganz ehrlich: Von meiner Warte aus ist der Schreck über die Krankheit, der Umgang einiger Menschen damit und die Gefahr, dass vieles nicht sein wird wie früher, meist größer als die Angst um das eigene Geld beziehungsweise den Beruf.
Daniel (Maffai): Uns geht es den Umständen entsprechend gut, danke. Selbstverständlich sind die Einschränkungen auch für uns unangenehm aber wir sind alle soweit gesund und munter.
Chri (Rogers): Hallo erstmal! Danke, uns geht es den Umständen entsprechend gut. Wir sind alle noch gesund und munter und versuchen gerade unsere Tage so gut es geht zu Hause zu verbringen.
Der Ole: Meine Familie, meine Freunde und ich sind gesund; ich hoffe auch, dass sich das nicht ändern wird. Aber die ganze Krise beschäftigt mich schon sehr. Insbesondere das offene Ende.
Chris (Illegale Farben): Gesundheitlich geht es uns allen gut. Allerdings ist jeder von uns und natürlich auch die Band stark beeinflusst von der ganzen Situation.
Alle (Shirley Holmes): Es geht uns juti, danke der Nachfrage. So einiges ist gerade etwas verstörend und surreal, aber irgendwie spüren wir schon auch, dass durch den plötzlichen Stillstand an vielen Stellen neue Denkräume entstehen, sozusagen Räume zum Träumen, wie manches halt sein könnte, wenn man so zwangsentschleunigt ist. Selbst kriegt mans nicht gebacken aber Mutter Natur kanns richten. Und so ergeben wir uns unserem Schicksal. Auch, weil wir auf diese Weise nach langer Zeit mal wieder etwas durchatmen ob des Zuhausebleibens und nicht unterwegs sind oder adrenalingetrieben am Rechner rumhotten. Hashtag innere Einkehr und so. Gäbe es dabei nicht noch all die negativen Auswirkungen, wäre das ein Zustand, den wir durchaus für eine Weile auf eine Art genießen könnten.
Olli (Radio Havanna): Uns geht es persönlich allen gut, aber wir machen uns natürlich Sorgen: Darüber, dass verdammt viele Menschen erkranken und auch sterben könnten. Ihre Jobs verlieren oder ihnen als Selbstständige alle Aufträge wegbrechen. Darüber, was diese Krise mit unserer Gesellschaft machen könnte. Und über die Menschen, die diese Situation noch viel härter trifft als uns in Deutschland: Weil sie zum Beispiel an den europäischen Außengrenzen ohne Schutz, fließendes Wasser, medizinische Versorgung allein gelassen werden. Dann sind auch alle Sonntagsreden in Europa von „Solidarität“ nicht das Papier wert, auf dem sie gedruckt werden!
Markus (BAR): Ich kann nur für mich sprechen – mir geht es gar nicht so schlecht dabei. Mein Tagesrhythmus ist regelmäßiger, da ich nicht mehr abends und nachts unterwegs bin, und ich kann Dinge tun, zu denen ich sonst nicht komme. In meinem Tonstudio gibt es noch einiges zu tun, da kann ich prima alleine arbeiten, langweilig wird es also auch nicht. Es bleibt mehr Zeit für die Familie und das ist gut.
Basti (Rong Kong Koma): Danke der Nachfrage. Selber ganz gut. Die Isolation bringt einen etwas klaustrophobischen Stress mit sich und um uns herum tröpfeln die Nachrichten von Infektionen rein. Das macht nicht so viel Spaß. Wir vermissen es auch, miteinander abhängen zu können.


BAR-Band

Was waren eure ersten Gedanken dazu?
Lasse (Schreng Schreng & La La): Ich hatte das Thema bereits recht früh auf dem Schirm. Mein erster Gedanke war eigentlich recht simple: Jetzt können wir mal gucken, wie sich so ein Virus/eine Pandemie weltweit ausbreitet. Da war ja noch nicht klar, wie heftig es wird und wie nah die Einschläge kommen. Ist mir übrigens immer noch nicht ganz klar.
Nick (Subkultura Booking/The Bloodstrings): Auch hier muss ich ehrlich sein und sagen, dass ich bis vor zweieinhalb Wochen die Panik noch als Hyserie abgetan und belächelt habe. Erst als konkrete Warnung kamen, bekam ich Schiss. Ich weiß noch, ich saß im Tourbus am 1. Februar diesen Jahres und wir hörten einen Radiobericht über das neue Coronavirus. Unser Gitarrist ist Sani und weiß über sowas Bescheid und wir waren uns einig: Das ist einfach eine neuartige Grippe, da sollte man nicht so viel Welle machen, vor allem wenn Karneval usw noch stattfinden. Jetzt nehmen wir alle die Situation sehr ernst, meine Frau und ich bleiben zuhause.
Daniel (Maffai): Wie die meisten Menschen haben sicherlich auch wir die Lage zunächst ein wenig unterschätzt. Obwohl man natürlich die Situation in Asien mit Sorge und Mitgefühl verfolgt hat, war das erst einmal weit weg und uns vielleicht nicht allen so klar, wie schnell das Virus auch unseren Alltag verändern würde. Spätestens als die Zahlen in Italien dann bekannt wurden war aber auch uns bewusst, dass wir es mit einem ernstzunehmenden globalen Problem zu tun haben und das bald auch alle zu spüren bekommen würden.
Chri (Rogers): Ich muss ganz ehrlich sagen, dass wir der ganzen Sache von Anfang an mit Respekt begegnet sind. Das Verständnis für die tatsächliche Größe und das Ausmaß musste sich aber erst noch entwickeln. Die ersten Gedanken rankten sich dann auch schon darum sich mit dem Fakt anzufreunden, dass unsere große 4-wöchige Tour im April flachfallen wird. Das ist für einen schon erstmal ein richtiger Hammerschlag, aber uns war von Anfang an bewusst, dass da kein Weg dran vorbei führt und es auch nunmal sehr wichtig ist jetzt so zu handeln. Der Egoismus trotzdem spielen zu wollen oder die eventuellen Konsequenzen runter zu reden wäre komplett fehl am Platz gewesen.
Der Ole: Ich habe die ganze Nummer völlig unterschätzt und bin von der gesamten Welle immer noch sehr erschrocken. Für meinen Geschmack werden derzeit allerdings die Menschen zu sehr in den Himmel gelobt, die hoch bezahlt werden, um solche Situationen richtig einzuschätzen.
Chris (Illegale Farben): Für uns kam das eher schleichend als plötzlich. Zu Beginn dachten wir noch, naja gut, ein neues Virus, das wär jetzt nicht das erste mal, also wird schon nicht so schlimm. Drehen wir nächste Woche mal das Video. Da gab es gerade die erste Fälle in Italien. Jetzt sieht die Welt anders aus.
Alle (Shirley Holmes): Anfangs war es ja erstmal noch weit weg, man verfolgte in den Medien die Nachrichten aus China. Erst in der Woche direkt vor unserer geplanten Berlin Show mit SLIME kam die Welle dann auch in Deutschland richtig an und stellte neben dem gesamten sozialen Leben natürlich auch jede weitere Bandplanung auf den Kopf. Das war schon krass, wie innerhalb von wenigen Tagen nach und nach alle Shows abgesagt wurden und bei befreundeten MusikerInnen/KünstlerInnen und der ganzen Clubkultur Existenzängste aufkamen. Und dann der gedankliche Schritt weiter: Himmel, wie sollen denn die Menschen in den Flüchtlingslagern so Dinge wie Social Distancing oder regelmäßiges Hände waschen umsetzen? Nehmen wir das vieldiskutierte Lager Moria auf Lesbos: 20.000 Menschen auf einem für 3.000 Personen ausgelegten Raum. Eine Toilette für 167 Personen, eine Dusche für 250 Personen. 4.000 Menschen haben überhaupt keinen Zugang zu fließend Wasser. Sowieso schon unhaltbare Zustände – und dann noch Corona. Shocking. Wer helfen möchte: Checkt den Hashtag #LeaveNoOneBehind und unterschreibt die Petitionen auf seebruecke.org, da gibt es auch Anregungen für weitere Aktionen.
Markus (BAR): Nachdem die kurze ‚Nicht wahrhaben wollen‘-Phase vorbei war, kam bei mir erst mal eine Beklemmung auf, die mich an das Unglück von Tschernobyl 1986 erinnert hat. Dieses Gefühl hat sich relativ schnell wieder gelegt. Es bleibt etwas Sorge um meinen Vater und die Eltern meiner Partnerin. Corona war und ist natürlich das alles dominierende Thema in der Medienberichterstattung. Gewundert hat mich, dass das öffentlich-rechtlichen Fernsehen einige Tage lang ausschließlich die Situation in Deutschland in Dauerschleife behandelt hat. Dieselben
Beiträge wurden teilweise in 20-minütigen Abständen wiederholt. Was auf Lesbos, an der türkischgriechischen Grenze, in Syrien, in Israel etc. passiert ist, hätte mich schon auch noch interessiert.
Dafür kommt kein Fußball mehr im Fernsehen, das weiß ich zu schätzen, da ich abends momentan deutlich mehr gucke als sonst.
Basti (Rong Kong Koma): Ob ein 12 Monkeys Szenarium auf uns zukommt.

Seid ihr direkt und im näheren Umfeld betroffen?
Lasse (Schreng Schreng & La La): Siehe oben… Bis jetzt noch nicht. Allerdings habe ich mittlerweile bestätigte Fälle im erweiterten Freundeskreis. Glücklicherweise mit leichtem Verlauf. (toi toi toi)
Nick (Subkultura Booking/The Bloodstrings): Zum Glück nicht wirklich. Wir leben als Aachener nahe an Heinsberg und kennen dort Leute, die in Quarantäne mussten, aber eher zur Sicherheit. Ansonsten macht man sich aber natürlich sagen, weil jeder Verwandte aus Risikogruppen hat und die Gefahr ja scheinbar nicht einmal für diese exklusiv gilt. Gesund sind aber alle.
Daniel (Maffai): Was Krankheitsfälle innerhalb der Familien und engeren Freundeskreise angeht sind wir bisher glücklicherweise nicht direkt betroffen. Aktuell sind es dann eher so Bekannte von Bekannten, bei denen man dann von einer Erkrankung hört bzw. ein Verdacht nahe liegt.
Chri (Rogers): Nein, dem Himmel sei Dank hat sich bei uns bis jetzt keiner wissentlich infiziert. Natürlich haben auch wir in unseren Familien Omas, Opas und auch vorerkrankte Freunde, die mit zur Risikogruppe gehören, um die man sich natürlich Sorgen macht.
Der Ole: Ende März hätte ich eine Tour durch 12 europäische Länder gespielt, im Mai knapp 20 weitere Konzerte und mein zweites Album veröffentlicht. Alles abgesagt.
Chris (Illegale Farben): Wir sind bisher alle gesund geblieben. Im näheren Umfeld gab es einen Corona-Fall und jemanden, der deswegen 14 Tage in Quarantäne musste. Aber alle sind jetzt wieder und noch gesund.
Alle (Shirley Holmes): Krankheitstechnisch? Bisher nicht. (Knock on wood.)
Markus (BAR): Bisher nicht. Es gab Quarantäne- und Verdachtsfälle, aber keine bestätigte Infektion.
Basti (Rong Kong Koma): Wir selber (bisher) noch nicht. Im näheren Umfeld gab es leider schon ein paar Infektionen. Es ist eine besonders unschöne Sache, wenn man von den PflegerInnen und ÄrztInnen aus unserem Freundeskreis aus den Kliniken hört, wie die Zustände dort sind. Wirklich beängstigend und man möchte, wenn man dürfte, die FreundInnen mal kurz in den Arm nehmen und ihnen danken.


Illegale Farben

Wie denkt ihr darüber? Wie ernst nehmt ihr die Sache?
Lasse (Schreng Schreng & La La):
Ich bin weiterhin zweigespalten. Ich glaube, dass wir zu Hause bleiben sollten und trage die Entscheidungen der Bundesregierung. Aber mittlerweile bin ich auch etwas ermüdet, da mir dann doch die Transparenz fehlt. Die Masse an Meinungen und Beiträgen in den Medien erschlägt mich einfach.
Nick (Subkultura Booking/The Bloodstrings): Schon ernst. Keine sozialen Kontakte im „reallife“, Abstand im Supermarkt und wir versuchen uns auch wirtschaftlich zu schützen und gleichzeitig andere zu unterstützen. Die Unsicherheit ist, was einen fertig macht. Das Lächeln versagt mir persönlich keiner, denn ich habe Hoffnung, dass die Veranstaltungsbranche sich davon erholt.
Daniel (Maffai): Wir halten die aktuellen Regelungen für absolut notwendig und nehmen die Sache sehr ernst, weshalb wir uns etwa auch sehr früh dagegen entschieden haben uns für einen Livestream o.ä. zu treffen. Wir bleiben so gut es geht daheim, informieren uns über aktuelle Entwicklungen und pflegen regelmäßig den Kontakt zu unseren Liebsten.
Chri (Rogers): Wie schon öfters vorher erwähnt nehmen wir die Sache durchaus ernst. Alles andere wäre auch einfach nur noch dumm. Kein Mensch der Welt kann sich diese Situation oder die offiziellen Zahlen schön reden. Kein Politiker kann diese Krankheit mal eben runterbuttern und kein Superheld dem ganzen von Heute auf Morgen ein Ende setzen. Da müssen jetzt alle gemeinsam ran. Durchhalten, Hände waschen und Distanz wahren. Das sind ganz einfache Regeln. Bekommt man selbst als Punker hin.
Der Ole: Ich sehe Kontakt- und Ausgangssperren als eine richtige Maßnahme an. Ich halte mich daran, weil ich auch keine Alternative erkennen kann. Dennoch ist es auf Dauer schwer erträglich. Aber es müssen Leben gerettet werden. Daher ist es wichtig, dass sich alle an die Regeln halten.
Chris (Illegale Farben): Wir halten uns an die Empfehlungen die gegeben werden und nehmen das ernst. Keiner von uns möchte sich selbst oder andere anstecken. Es gibt zwar genügend Kritiker die jetzt wieder laut werden und auch jede Menge Verschwörungstheorien. Da sollte man aufpassen wo man zuhört. Kritik und Wachsamkeit ist aber trotzdem angebracht bei den Maßnahmen und Entscheidungen, die jetzt sehr schnell von der Politik getroffen werden. Vieles ist sicher sinnvoll, sollte aber auch wieder rückgängig gemacht und nicht vergessen werden. Jetzt bleiben wir aber erstmal zu Hause. Außerdem muss man natürlich sagen, dass wir in einer sehr privilegierten   Situation sind, gerade jetzt dürfen wir nicht vergessen, dass es Menschen gibt, die kein zu Hause haben, in dem sie sicher bleiben können. Da muss jetzt genau hingeschaut werden, alle Menschen ohne festen Wohnsitz oder die Menschen, die vor Krieg geflohen sind und jetzt schutzlos in Lagern verharren. In der Krise muss man jetzt zeigen, was Solidarität bedeuten kann.
Alle (Shirley Holmes): Naja – die Gesamtsituation nehmen wir auf jeden Fall ernst, der aktuelle Ausnahmezustand wird ja wahrscheinlich auch massive Auswirkungen auf uns als Gesellschaft haben. Die können natürlich auch positiv sein, die Hoffnung stirbt immer zuletzt. In jedem Fall ein komplexes Thema mit vielen Unbekannten, ohne wirklich aussagekräftige medizinische Daten, dafür aber mit haufenweise geährlichem Halbwissen und reißerischen Headlines. Und was Corona an sich betrifft: Dass es, mindestens für Risikogruppen, durchaus bedrohlich ist, steht ja inzwischen doch außer Frage, Grund genug für uns, uns verantwortungsvoll zu verhalten. Was wirklich MEGA nervt, ist, wie manche Medien mit dem Thema umgehen. Was da teilweise an fahrlässig-unseriöser und uninformierter Pseudoberichterstattung und Panikmache zu lesen und zu sehen ist, ist (mal wieder) gruselig. Und selbst bei manchen so called seriösen Medien ist noch so viel Luft nach oben, wenn es darum geht, Sachverhalte vollständig, klar und sauber zu erklären.
Olli (Radio Havanna): Über das Virus, dass sich so schnell verbreitet, war ja schon seit Beginn des Jahres viel in der Presse zu lesen, und das haben wir natürlich auch irgendwie wahrgenommen. Aber ehrlich gesagt ging es uns anfänglich so wie wahrscheinlich vielen anderen auch. Wir dachten: „Schlimme Sache das, zum Glück betrifft es mich nicht“. Zum ersten Mal selbst betroffen waren wir dann, als wir gerade mit unserem neuen Album im Gepäck auf VETO-Tour unterwegs waren. Wir sollten Anfang März ein Konzert in Zürich spielen, aber zwei Tage vorher wurden dort alle Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmenden untersagt. Wir haben dann aufgrund von viel spontaner Hilfe im Internet ein Ersatzkonzert spielen können. Selbst dann dachten aber auch wir noch: „Scheiße, jetzt kommt da so eine blöde Pseudogrippe dahergelaufen und wir können deswegen kein Konzert spielen, was denkt die sich?“
Erst ungefähr eine Woche danach hat sich auch in Deutschland die Berichterstattung und öffentliche Meinung geändert und auch wir mussten hier erstmal einen Lernprozess durchlaufen: Dass das eben nicht nur ’ne Grippe ist, die aufgebauscht wird. Sondern eine Krankheit, die einen Teil der Weltbevölkerung in Lebensgefahr bringt. Und die wir nur aufhalten oder verlangsamen können, wenn wir alle Zuhause bleiben. Die VETO-Tour sollte dann eigentlich noch für sechs Konzerte weiterlaufen, darunter das größte eigene Konzert unserer Bandkarriere im Berliner SO36. Aber die Frage „Konzert oder nicht“ hat sich dann ziemlich schnell nicht mehr gestellt. Einerseits haben die Behörden alle Veranstaltungen untersagt. Aber auch das nicht der Fall gewesen wäre, hätten wir natürlich nicht gespielt. Es wäre völlig unverantwortlich gewesen, in dieser Situation viele Menschen zum gemeinsamen Schwitzen und Bier trinken zusammenzubringen. Und ganz ehrlich: Zum Feiern war uns da auch nicht zumute.
Markus (BAR): Ich nehme das durchaus ernst, die Rechenbeispiele der damit befassten Wissenschaftler*innen halte ich für plausibel, die Maßnahmen für angemessen und gut begründet. Ich hoffe sehr, dass nach der Krise nicht alles ist wie vor der Krise, dass Gesellschaft und Politik aus der Erfahrung lernen. Zum Beispiel, dass es hilfreich ist, auf die Wissenschaft zu hören, oder dass es nicht unbedingt geil ist, Aufgaben gesellschaftlicher Grundversorgung dem freien Markt zu überlassen. Denn dem Markt ist die Gesellschaft egal und er neigt dazu, von unten nach oben zu verteilen. Plötzlich erhalten Menschen, die in der Pflege oder im Supermarkt an der Kasse arbeiten, Wertschätzung. Das muss sich noch viel mehr in finanzieller Hinsicht zeigen – Applaus vom Balkon reicht nicht. Für Kunstschaffende und alle, die dazu beitragen, kulturelle Erlebnisse zu ermöglichen, ist es gerade enorm schwierig, doch viele merken jetzt vielleicht, wie wichtig auch das ist. Deutlich zu sehen ist, wie gründlich es die Rechtspopulisten dieser Welt verkackt haben, vernünftig zu agieren, wenn es ernst wird. Die aufkommende Genugtuung bleibt im Hals stecken, wenn einem klar wird, dass deswegen tatsächlich viele Menschen sterben werden.
Basti (Rong Kong Koma): Wir nehmen die Sache ernst. Wie machen eben die vielen Kleinigkeiten, die man machen kann. Es ist ja aber auch nicht so, als könnte man noch viel unternehmen.

Konzerte werden verschoben oder abgesagt, manche Albenreleases verschieben sich ebenfalls – das ist natürlich für Bands/Künstler der Supergau. Wie geht es euch damit und wenn ihr betroffen seid, wie ist eure Gefühlslage?
Lasse (Schreng Schreng & La La): Das ist alles eine riesen Scheiße. Muss man auch in diesen Worten so sagen. Wir waren gerade auf Kurz-Tour, als eigentlich klar wurde, dass alle Bars und Clubs schließen müssen. Wir haben dann die Konzerte in Leipzig und Erfurt abgesagt und sind nach Hause gefahren. Wir haben 36 Stunden durchdiskutiert, da es ja auch eine ethische Frage ist. Das war am Ende alles in allem schon in Ordnung, da die Stimmung bei uns durch die endlosen Diskussionen eh am Boden war. Glücklicherweise haben Jörkk und ich „normale“ Jobs, so dass wir eigentlich nur beschränkt betroffen sind.
Nick (Subkultura Booking/The Bloodstrings): Eine absolute Achterbahn ist das. Zuerst: Glück gehabt, erstmal nur große Events, gut, dass ich so viele Bands im D.I.Y. Bereich habe! Dann die ersten Absagen meiner Klienten Bare Teeth und Überyou. Shit. Und dann wurde es immer schlimmer. Meine eigene Band The Bloodstrings bekam zwei Gigs gecancelt und dann ging alles Schlag auf Schlag. Die ersten Tage waren ein regelrechter Albtraum und ich habe ernsthaft daran gezweifelt, dass sich zumindest die Booker-Karriere davon erholt. Jetzt habe ich mit einem Online Festival für Aachener Bands einen Weg gefunden, weiter am Ball zu bleiben bei dem, was ich liebe. Ich arbeite noch als PR-Manager und hier habe ich noch genauso Kunden und merke nicht, dass sie ihre Alben nicht herausbringen können oder wollen. Das Bemustern der Presse ist etwas schwieriger, weil man sich den Weg zur Post echt zwei mal überlegt. Gerade in dieser Zeit sollten die Medien auch einmal darüber nachdenken, ob physische Bemusterung wirklich noch ein Muss für ein Review ist oder ob man da der ganzen Wirtschaft auch etwas entgegen kommt. Aber es ist traurig. Ich habe mich zum Beispiel tierisch auf die Monate März, April und Mai gefreut. Tour meiner Band Bloodstrings, ein paar Tage mit auf Tour mit The Decline, jede Menge geiler Konzerte. Jetzt ist auch der Juni gefährdet, wo ich mich sehr auf Festivals mit den Louderdales oder das langersehnte The Distillers Konzert gefreut habe. Einfach beschissen. Dennoch: Das sind im Vergleich zu anderen Luxusprobleme.
Daniel (Maffai): Ja, die Auswirkungen auf die Musikszene sind natürlich (wie für so viele andere Metiers) sehr schwerwiegend. Wir persönlich haben tatsächlich auch etliche Konzertabsagen zu verkraften, die aktuell bereits bis in den August hineinreichen. Gerade jetzt im April hätten wir den Großteil unserer Tour gespielt, der nun z.T. optimistisch in den Oktober/November verschoben werden konnte, teilweise aber auch komplett gestrichen wurde. Auch der Festivalsommer, der für uns recht üppig ausfallen sollte steht nun mittlerweile komplett auf der Kippe und wir wissen schon jetzt, dass etliche Termine gefährdet sind. Nun hat Maffai das große Glück, mit Audiolith eine starke Bookingagentur im Rücken zu haben, die mit Hochdruck daran schraubt Ersatztermine für ihre Künstler klarzumachen, weshalb der entstandene Arbeitsaufwand nicht an uns sondern denen hängen bleibt, von den finanziellen Einbußen für alle Seiten mal ganz zu schweigen. Wir sprechen hier von sehr viel Arbeit und sorgfältiger Vorbereitungszeit, die nun mehr oder weniger vergebens war, was natürlich schmerzt, zumal uns Konzerte auch immer eine absolute Herzensangelegenheit sind. Für Bands, die sich selbst ums Booking kümmern (was wir z.T. auch nach wie vor in unseren anderen Bands Somewhere Underwater und Paulinchen Brennt tun) ist die ganze Sache noch einmal prekärer, nicht nur weil man sich im D.I.Y.-Booking bekanntlich ohnehin schon ein Bein ausreißen muss um Gigs an Land zu ziehen sondern weil der Run auf die Locations für die folgende Konzertsaison nun größer denn je ist. Wir sprechen hier übrigens von insgesamt ca. 25 Konzertabsagen und es ist derzeit schwer davon auszugehen, dass noch etliche
folgen werden. Auch unsere Pläne hinsichtlich neuer Releases müssen nun überdacht werden. Wenn man allerdings mitverfolgt, dass einigen befreundeten Bands gerade besonders wichtige Termine wie Releasepartys zu neuen Alben gestrichen werden, kann man sich fast noch glücklich schätzen.
Der Ole: Wie schon beschrieben bin ich ja direkt betroffen. Ich war zuerst wahnsinnig traurig, weil wir mehr als ein Jahr an der bevorstehenden Zeit gearbeitet hatten. Und uns natürlich alle sehr gefreut hatten. Nun machen wir das Beste aus der Sache und planen alles neu, wenn ein Ende der Situation in Sicht ist.
Chris (Illegale Farben): Wir haben unser Album-Release für Oktober geplant und anschließend eine Tour im Herbst. Wir merken aber jetzt schon, dass es zunehmen schwer wird noch Slots in den Clubs zu kriegen, weil alles innerhalb kürzester Zeit in den Herbst und Winter verschoben wurde. Sollte sich die Lage im Sommer wieder beruhigt haben, dann wird der Herbst für das Touring Business auf jeden Fall gerammelt voll. Was das für unser Release bedeutet kann ich gerade noch nicht absehen. Wir hoffen, es bleibt dabei.
Alle (Shirley Holmes): Tatsächlich wurden so einige unserer Konzerte abgesagt oder verschoben – was etwas unpraktisch ist, wenn man gerade kurz vor einer Album Veröffentlichung steht. Bye bye Release Tour, singen wir, während unsere schöne Release Konzert Promo einfach so verpufft. Das ziept zuweilen ziemlich, nachdem wir so lange auf den Moment hingearbeitet und -gefiebert haben. Aber jut, wenn wir uns so umschauen, verwahren wir dies wohl trotzdem in der Schublade „Luxusprobleme“. Und wer weiß, vielleicht entsteht ja auch noch etwas Gutes aus der Situation.
Markus (BAR): Bedingt durch eine Erkrankung eines Bandmitglieds und die damit verbundenen mehrwöchigen Therapiemaßnahmen haben wir schon vor dem Shutdown alle Konzerte der ersten Jahreshälfte absagen müssen. Hauptsache, der Kerl wird wieder gesund! Deswegen ist die Band kaum betroffen, bzw. hätte sowieso Bühnenpause. Proben der verbliebenen Bandmitglieder sind auch schwierig, da einer kleine Kinder zu betreuen hat. Das ist natürlich aktuell eine große Herausforderung, vor allem, wenn man dazu noch arbeiten muss. Deswegen bremst uns das schon.
Basti (Rong Kong Koma): Das war für uns der komplette Abfuck. Unser Record Release war Freitag, der 13.3. Das war der Tag, an dem die ganze Scheiße in Deutschland richtig losging. Das Release selber ist ziemlich unter der Welle der Corona-Nachrichten untergegangen, unsere RR-Show am 14.3. wurde abgesagt, genauso, wie (unter Vorbehalt) alle nachfolgenden Tour- und Konzert- und Festivaltermine. Für so ne Mini-Band wie uns (Rong Kong Koma) ist das, wie du in deiner Frage schon geschrieben hast, der Supergau. Wir sind darauf angewiesen, Konzerte zu spielen. Wir arbeiten hart an unserer Musik und lieben, was wir tun. Es ist frustrierend zu sehen, wie drei Jahre Aufbauarbeit in der Quarantäne untergehen. Zumal wir, bisher, auch noch keine Ausweichtermine bekommen haben. Alle größeren Bands und Agenturen werfen sich auf die Slots im Herbst/Winter 2020 und Frühling 2021. Wir sind eine sehr kleine Band, ohne Bookingagentur. Da ist das schon eine ziemlich Hürde, ein paar Konzertslots zu bekommen. Und du kennst unsere Welt: Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber, wir geben nicht auf. Immer weiter! Die Musik ist unser Leben und das lassen wir nicht so einfach los!

Interview von Florian Puschke im März/April 2020

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schrengschrengundlala.de
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+++Ende Teil 1+++



 

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