Genau diese Frage stellen sich die Jungs der Münsteraner Band Shoreline auf ihrem mittlerweile 4. Studioalbum, welches im März dieses Jahres veröffentlicht wurde.
Jeder kennt es wahrscheinlich aus eigener Erfahrung, man liegt am Boden und alles um einen herum wird zu viel und man denkt es kann eigentlich nicht schlimmer werden. Aber jeder der am Boden liegt, steht hoffentlich auch wieder auf und gewinnt neue Lebensmut, Kraft und Energie. Aber wo und wann ist der Tiefpunkt erreicht und wann fangen die Dinge an, besser zu werden und die positiven Momente überwiegen erneut?
Genau aus diesem Gefühl entstand das Konzeptalbum „Is This The Low Point or the Moment After?“, 10 Songs irgendwo zwischen Emo, Hardcore und Alternative Rock, Texte inhaltlich voller Selbstzweifel und Reflektionen über das eigene Sein und Handeln.
Bereits der Opener „Worry Count“ bestätigt diese empfindliche Stimmungslage, eine zunächst cleane Emo-Gitarre und die zaghafte Stimme von Frontman Hansol Seung säuseln ein zaghaftes „I got my mistakes. Just like you I can’t stop thinking about them all“, im weiteren Verlauf gewinnt die Nummer zusehends an Energie. Haben mich die ersten Sekunden an die frühen Angels & Airwaves erinnert, wandelt sich der Schluss in eine pure Hardcore Nummer, die nahtlos in „Brittle Bond“ übergeht.
Auch hier startet die Band zunächst sanfter und zurückhaltend, um dann im nächsten Moment immer wieder kurze, harsche Gesang-Shouts einzustreuen, die der Wut und den Emotionen freien Lauf lassen. Musikalisch schaffen es Shoreline trotz aller angestauter Wut die Songs eingängig, dynamisch in gewissen Teilen sogar tanzbar wirken zu lassen, was sicherlich, neben dem Hansols Gesang als Ass im Ärmel, als weitere große Stärke der gesamten Platte zu sehen ist.
Im Kontext des Konzeptalbums und der eingangs gestellter Frage, wo der emotionale Tiefpunkt liegt, ist dieser ohne Zweifel mit „Paradox Man“ erreicht. Eine mit einer Lauflänge von 1:45 Minuten doch eher kurze Nummer und einer Härte, wie ich sie so zunächst nicht erwartet hätte. Markerschütternde Growls von Hansol rauben auch den letzten negativen Energien die Kraftreserven, der Wechsel mit stillen, ruhigen Momenten lässt Hoffnung aufblitzen und zeigt, der Tiefpunkt ist bald überwunden.
Schon fast ungewohnt leichtfüßig kommt „Out of Touch“ daher, ebenso wie das nachfolgende „Good Times“, beide Tracks zeigen Shorelines rockige Seite mit melodischen Elementen, die Zeit zum Durchatmen und Verschnaufen liefern.
Emotional, verträumt und melancholisch schließt das Album mit „Phantom Pain“. Verlustgedanken, Zweifel am eigenen Handeln aber auch ein Funke Hoffnung blitzt in Form kleiner Fragmente durch all die zuvor düsteren Gedanken und Visionen hindurch. Is This the Moment after…?
Fazit:
Selten habe ich solch eine emotionale Berg- und Talfahrt erlebt, wie sie Shoreline mit diesem Konzeptalbum abliefern. Der Mix aus Emo, Hardcore-Punk und Alternative-Rock Elementen mit seinem wandlungsfähigen Gesang von schüchternen, zerbrechlichen Momenten hin zu aggressiven, zerreißenden Wut-Explosionen fängt die Stimmung der jeweiligen Songs unglaublich eindrucksvoll ein. Shoreline zeigen mit diesem Album, dass sie würdige Genre Vertreter sind und es verdient haben, den internationalen Durchbruch zu schaffen.
Review von Florian Goergen
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