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Neues aus der Couchzone

Veröffentlicht am: Mai 15th, 2021 | durch Florian Puschke

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Mai 2021: Sneakerträume bei Klosterunruhe

Aktuelles TV-Programm eines öffentlich rechtlichen Senders:

9:00 – 10:30 Uhr: Alle Zeit der Welt (Fernsehfilm, D)

10:30- -12:05 Uhr: So viel Zeit (Fernsehfilm, D)

12:05 – 13:40 Uhr: Nur 48 Stunden (Krimi, USA)

Lässt sich daraus was für’s Leben ableiten? Ich weiss es nicht, was ich aber weiss: Es wohnt keine Musik mehr in mir. Schon eine ganze Weile rauscht es ohne jede Melodie in Kopf, Herz, Bauch.

Ist ja auch kein Wunder bei dem ganzen Geplärre der Welt. In echt wie in social media. Ich habe zum Beispiel den Eindruck, es wird derzeit viel lauter geschrieben als jemals zuvor. Das macht die Birne ganz mürbe, und dann läuft die Musik halt aus. Merde.

Ich habe in den letzten Monaten auch viel weniger gelesen, und auch das ist schlecht für Psyche und Horizont.

Dumpf lag ich auf der Couch und klickte mich zeitgleich durch Youtube und Facebook, was nährwertmäßig in etwa das kulturelle Äquivalent zu einer Mahlzeit aus Mayo mit Ketchup sein dürfte, kein Wunder, dass meine kreative Ader komplett verfettet ist und bloß noch blechern schnarcht, wenn sie nicht gerade aufjault, weils irgendwo zwickt. Um das zu ändern, bin ich in meine Heimat gefahren, ins Siebengebirge, denn ich wollte back to the woods. Walden und Thoreau und so, bißchen Dichterclublifestyle tanken, weg von den People und unnötigen Anglizismen.

Das Siebengebirge ist dafür prima geeignet, zumindest, wenn man es in puncto „weg von people und Anglizismen“ nicht allzu ernst meint. Die Wege sind nämlich geflutet mit Menschen, die anscheinend alle hier sind,  um endlich mal Abstand von Menschen zu bekommen, denn durch die Wipfel weht ein endloser Chor des unverständigen Hasses, weil hier überall auch andere Menschen außer einem selbst rumeumeln. Ab und an mischen sich Todesschreie darunter, denn die Berge sind steil und die Mountainbiker*innen haben alle Stöppsel mit Death-Metal-Musik in den Ohren und kein Geld für Bremsen.

Immerhin, geht man früh genug los, bei Vollmond zur Geisterstunde, und hat das Glück, dass just Hagelschauer und Sturmböen ältere Bäume aus dem Erdreich reißen, stehen die Chancen gar nicht schlecht, kleinere Waldwege entlangspazieren zu können, ohne Schlangestehen zu müssen. Dann fühlt man sich mit der Natur so verbunden, wie es nur naive Deutsch-LK-Schüler*innen in selbstgedichteten Englisch GK-Lyrics zu Lagerfeuergitarren auszudrücken vermögen.

Laut einer Erzählung des ehemaligen Harald Schmidt-Sidekicks Manuel Andrack, entstand an den Siebengebirgsausläufern mit Rheinblick der Begriff „Kitsch“, ich habe nie recherchiert, ob das stimmt, unter anderem, weil ich sowieso nie was recherchiere, aber ich denke, es ist wahr. Was hätten wir schließlich davon, wäre es nicht wahr? Beweisführung abgeschlossen, zurück zur Natur. Einer meiner Lieblingswege führt zum Kloster Heisterbach, und hier befindet sich auch – das mag jetzt überraschen – die alte Klosterruine. Ein beeindruckendes Gemäuer, das für ausnahmslos alle Heavy Metal-Bands der Region mindestens einmal als Bandphoto-Motiv für Plakate oder Albumcoverrückseiten dient.

Zumindest bis zum Ende der Neunzigerjahre galt: Heavy Metal-Bands, die innerhalb eines Radius von 150 km zum Kloster Heisterbach beheimatet waren und nicht mindestens ein Pressephoto vor der Ruine schossen, wurden von der Metal-Gilde nach einer zweimaligen Verwarnung aus der Metal-Zunft ausgeschlossen und durften fortan höchstens noch unter der Bezeichnung „Hardrock“ bis 15 Uhr auf Straßenfestbühnen ohne coole „Radio Bonn Rhein-Sieg“- Qualitätssiegel ihre Mähnen schütteln.

Für mich spielte das damals keine Rolle, weil ich immer nur in Punkbands spielte und diese Bands allein talentmäßig eh nie die Gelegenheit bekommen hätten, auf irgendwelchen Straßenfestbühnen zu spielen, aber trotzdem gibt es von mir zahlreiche Bilder vor der Ruine, denn ich war lange Messdiener. Ja, ich wiederhole mich. Ich tu‘ das aufgrund meines großen Erfolges. Also: Ich war Messdiener und einmal jährlich fand zu Christi Himmelhart die große Open-Air-Messe vor der Ruine statt, zu der alle Messdiener anzutreten hatten, um ordentlich (Wo)Menpower zu präsentieren. Wir standen in Zweierreihen vor dem improvisierten Klapptisch-Altar unter der Ruine und trugen lange weiße Gewänder aus dickem Baumwollimitat.

In meiner Phantasie sahen wir alle aus wie die imperialen Sturmtruppen, beeindruckend furchteinflößend, perfekt in Reih und Glied, so dass allen Zuschauern vor Ehrfucht die Luft wegblieb, aber in Wahrheit sahen wir wohl eher so aus, als hätte uns die Mama des Imperators unter Zeitdruck ein paar Karnevalsuniformen aus Vorhängeresten genäht.

Wenigstens gab es alljährlich Verluste zu beklagen, weil während der zweieinhalbstündigen Zeremonie unter sengender Sonne reihenweise Leute von uns aufgrund von Hitzeschlag, Weihrauchüberdosis oder Dehydration umkippten, das hatte durchaus ein bisschen was von den Schlachtfeldern der Sternenkriege.

Mein härtestes Jahr hier erlebte ich mit zwölf, denn ich hatte am Vortag erstmals frei von elterlicher Aufsicht in der großen Stadt Schuhe meiner Wahl kaufen dürfen. Natürlich kam ausschließlich eine bestimmte Sorte Adidas-Treter in die Tüte, das war klar, aber die gab es dummerweise nur in einem der drei Schuhläden, und auch  nur in einer Größe.  Ich schlüpfte hinein, war aber nicht komplett überzeugt, ob sie wirklich perfekt saßen.

„Die laufen sich bestimmt noch voll gut ein, stimmts?“ frug ich zustimmungsbettelnd die Verkäuferin, die mir das gerne bejahte.

„Zuuu weit wär ja auch nicht gut, oder?“ konkretisierte ich meine Frage, doch auch hier konnte mir die superkompetente Frau alle Sorgen gleich nehmen, indem sie mir gleich beipflichtete.

Kurz überlegte ich noch, ob ich ins Detail gehen und erfragen sollte, ob es ein gutes Zeichen sei, wenn sich der große Zeh nach innen einrollte, aber ich fand, dass ich die gute Frau schon genug genervt hatte und kaufte die Schuhe lieber sofort, bevor sie noch auf die Idee käme, sie doch zu behalten oder wem anders zu geben.

Meine Mutter erwies sich allerdings als elende Zweiflerin, als ich ihr abends die tollen Treter präsentierte und sie mit skeptischem Blick testweise mit dem Daumen auf der Schuhspitze rumdrückte.

„Die sind doch zu eng!“ Das war eher keine Frage von ihr, das merkte ich sofort, und während ich krampfhaft die Zehen gen Ballen eindrehte, um ihren findigen Fingern zu entgehen, überlegte ich fieberhaft, welche Argumente der Verkäuferin ich nun am besten gegen ihre Zweifel anbringen konnte, aber plötzlich klangen sie alle seltsamerweise nicht mehr so überzeugend.

„Ich glaub‘ vielleicht, meine Füße sind heut‘ gewachsen..?.“ nuschelte ich, während mein Kopf tomatisierte, und danach wurde der ganze Dialog etwas laut und unübersichtlich.

Jedenfalls trug ich am nächsten Tag beim Messedienst diese Schuhe, und ich war die gesamte Messe über nur damit beschäftigt, heimlich das Schuhwerk meiner Kollegen zu beäugen, in der Hoffnung, auch bei dem einen oder anderen ähnliche Zehenausbeulungen an der Schuhspitze zu entdecken, um nicht der einzige Trottel zu sein, der zu blöd war, passende Schuhe zu kaufen. Ich wurde leider nicht fündig und fühlte mich wie „Private Paula“, meine Adidas waren mein „Fool Messdien‘ Jacket“. Nach jenem Tag habe ich diese Schuhe nie mehr wieder getragen und irgendwann waren sie wie von Geisterhand aus dem Schuhschrank verschwunden. Ich selbst zog natürlich meine Lehre aus jener Erfahrung und kaufte fortan nur noch Puma.

Ich könnte nun noch weitere Erlebnisse aus dem Kloster Heisterbach erzählen, denn da gab es so einiges. Gute Stories, mit Dosenwerfen, Kaffee, Kuchen, und manchmal sogar leichten Drogen. Aber sie alle haben so gut wie nichts mit Musik zu tun. Darum werde ich sie mir für später aufsparen, meine Kolumne jetzt schließen, weiter durch die Wälder ziehen, und nach einer Melodie suchen, die mich über die nächsten Wochen trägt. Just fliegt ein Spatz an mir vorbei, er landet auf dem Klosterdach und tritt da eine verpennte Taube runter. Dann lacht er keckernd, während die Taube ungelenk auf meiner Schulter landet, murrend gurrt und mir frech in die Hand kackt.

„Als Refrain ist das gar nicht mal so übel.“ denke ich anerkennend und wische die Hand an einem vorbeirasenden Mountainbiker ab, der empört die Fahraddklingel klingelt. Ein Anfang wäre somit gemacht.


Info: Totte Kühn ist Musiker und Autor. Er ist Mitglied in den Bands Monsters of LiedermachingDie Intelligenzia und Muschikoffer, spielt aber auch solo. Aus Gründen großer Freizeitvorkommen schreibt er auch Kurzgeschichten. Sein neuestes Buch heißt „Sex, Drugs und Köcherbau“ und ist sehr gut. Sein Pseudonym „Der flotte Totte“ ist weniger gut, aber auch nicht so neu. Totte Kühn lebt in Hamburg und mag, unter anderem, Lemuren.

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