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Interviews

Veröffentlicht am: Januar 31st, 2021 | durch Florian Puschke

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Znich: Sänger Ales Tabolic im Interview

Belarus, auch Weißrussland genannt, hat 9 Millionen Einwohner und befindet sich zwischen Polen, Litauen, Lettland, Ukraine und Russland. Seit 1994 wird die ehemalige Sowjetrepublik von Diktator Aleksandr Lukaschenko mit harter Hand regiert. Am 9. August 2020 wurde er laut eigener Angabe zum 6. Mal mit großer Mehrheit in seinem Amt als Präsident bestätigt. Die einzig zugelassene Kandidatin der demokratischen Opposition musste nach Litauen fliehen. Seitdem gehen an jedem Wochenende Hunderttausende Weißrussen auf die Straßen um für Neuwahlen und ein Ende der Polizeigewalt zu demonstrieren.

Die Pagan Folk Metal Band Znich kommt aus der Hauptstadt Minsk und wurde 1996 gegründet. Die Band hat mittlerweile neun Alben veröffentlicht und bewegt sich musikalisch irgendwo zwischen Korpiklaani, Arkona und Heidevolk. 2019 erschien das Album „Ruch Sontsa“, eine Zusammenarbeit mit den Sängerinnen von Rutvica. Ich sprach mit Sänger/Growler Ales Tabolic über Politik, Musik und Tattoos.

Ales, du hattest für die Präsidentschaftswahlen am 9. August kandidiert. Was ist schiefgegangen?
Ales: Nichts ist schiefgegangen. Um teilnehmen zu dürfen, sollte jeder Kandidat mindestens 100 000 Unterschriften sammeln. Dazu sind wir durch das ganze Land gereist. Wir haben Meetings und Konzerte organisiert. Nach den Verhaftungen der wichtigsten Oppositionsführer habe ich gemerkt in welche Richtung es geht und meine Kandidatur zurückgezogen. Ich habe die Unterschriften auch nicht an die Wahlkommission ausgehändigt um die Leute die unterschrieben hatten, nicht bloßzustellen, Leute aus der alternativen Szene; Rocker, Metaller, Punks.

Hast du selber deine Wahlkampagne finanziert?
Ales: Ja, teilweise hat auch Aleksandr Pomidorov, ein sehr bekannter Rockmusiker, Konzertorganisator und Radiomoderator, unterstützt. Er hat vor kurzem wegen Teilnahme an den Protesten acht Tage im Knast gesessen. Wir haben die Kampagne zusammen durchgezogen und da wir Musiker sind, gaben wir fast überall Konzerte.

Hast du dich nach der Wahl noch irgendwie politisch engagieren können?
Ales: Komischerweise wurde ich im Herbst zu einem Gespräch eingeladen. Dazu hatte eine Initiativgruppe der Obrigkeit ehemalige Kandidaten der Opposition zu einem Runden Tisch eingeladen. Das war eine wunderbare kommunistische Veranstaltung. Ich durfte sogar eine Minute lang reden! Zum Abschluss wurden wir als Faschisten beschimpft. Wir erwiderten, dass Pomidorov Jude ist und mein Großvater ein sowjetischer Partisanenheld war. Ich lehne jede Form von Faschismus ab. Auch innerhalb unserer Subkultur und als Musiker habe ich nichts mit Rechten zu schaffen. Das hat denen dann sogar kurz die Sprache verschlagen. Trotzdem sagten die natürlich, dass wir von den Amerikanern bezahlt wurden. Von den Amerikanern habe ich aber nie Geld gesehen (lacht). Ich gehe mit meiner Familie zu den Protesten, ich fordere neue, ehrliche Wahlen und ein Ende der Polizeigewalt. Dabei stehe ich zu unserer traditionellen weißrotweiße Fahne, zu unserer weißrussischen Sprache. Ich war auch der Einzige der Kandidaten der gesagt hat, dass die Krim widerrechtlich von den Russen besetzt wurde und zur Ukraine gehört.

Werden die Proteste in seiner Gesamtheit durch die alternative Szene mitgetragen?
Ales: Alle Musiker die ich kenne, gehen zu den Protesten. Aber sehr viele sind auch weggezogen aus Belarus, in die Ukraine, nach Kiew. Viele sitzen auch. Im Prinzip gibt es bei uns keine einzige Familie die in den vergangenen vier Monaten nicht mit der Polizei in Berührung ist gekommen. Mehr als 30 000 Leute haben seit August gesessen oder sitzen noch immer im Knast. Die Brutalität mit der die Ordnungstruppen auftreten ist erschreckend, alte Leute, Frauen, Schüler alle werden gnadenlos zusammengeschlagen. Die Bullen haben richtig Spaß daran.

Wurdest du schon mal verhaftet?
Ales: Nein, ich hatte bisher Glück. Nach meiner Kandidatur wurde ich aber ständig verfolgt von Geheimdienstlern oder Polizei oder wer auch immer das war. In Kneipen werde ich angesprochen von Unbekannten: Pass auf was du sagst, denk an deine Familie.

Hat die Protestbewegung eine Zukunft?
Ales: Das Problem ist unsere Mentalität, wir sind keine Ukrainer oder Westeuropäer. Der letzte politische Kampf gegen den Diktator stammt von 2010. Danach war es zehn Jahre lang ruhig. Das Ultimatum im Herbst war ein Fehler. Da sagte Svetlana Tichanovskaja, die einzig zugelassene Kandidatin der demokratischen Opposition, Lukaschenko müsse weg, es müssen Neuwahlen her und alle politischen Gefangenen sollen freigelassen werden, sonst gäbe es einen Generalstreik. Da haben im Endeffekt sowohl die Arbeiter, als auch das Militär, kaum mitgemacht. Und was für eine Revolution sollte das bitte werden, ohne Arbeiter und Soldaten?

Ihr singt auf weißrussisch. Früher während Transitreisen durch Belarus dachte ich, dass alle in Belarus nur Russisch sprechen. In den letzten Monaten während Interviews habe ich festgestellt, dass jeder zweiter auf einmal das Weißrussisch als Hauptsprache benutzt. Ist das Weißrussisch ein Mittel zum Protest?
Ales: Mehr als das. Die Sprache und die historische Symbolik wie die weißrotweiße Fahne sind ein Markenzeichen der Revolte geworden. Diese hat es natürlich schon immer gegeben, sie waren und sind nur beim Regime verpönt. Unter Jugendlichen ist es in den letzten Monaten recht hipp geworden im Alltag weißrussisch zu reden.

Euer erstes Album heißt ‚Jazytsjnik ja‘ (Ich bin Heide). Wie ernst stehst du zu diesem Thema?
Ales: Auf dem Lande in Belarus besteht immer noch eine starke heidnische Tradition. Während der alte Glauben sich in Nord- und Westeuropa auf Mythologie basiert, wird das Heidentum hier noch gelebt. In Festtagen, Bräuchen und vor allem Lieder. Die Dörfer in Belarus bieten eine wahre Schatzkammer an alten Liedern, deren Ursprung im Heidentum liegen.

Wie sie auf dem letzten Album zu hören sind?
Ales: Genau, auf ‚Ruch Sontsa‘ sind allesamt traditionelle Lieder. Sie beschreiben den Zyklus der Natur. Von Kupalle (Mittsommerfest) bis Kolyady (Wintersonnewendefest). Es sind keine alltäglichen Lieder, sondern welche die zu bestimmten Bräuchen gehören.

Ein anderes Thema. Wenn es dir peinlich ist, können wir es auch weglassen… Wieso habt ihr 2016 teilgenommen an den Vorrunden für das Eurovision Songfestival?
Ales: Das war zum Lachen. Wir wussten von Anfang an, dass wir da nicht durchkommen. Ich wollte einfach zeigen, dass wir nicht nur diese schreckliche Popmusik bringen die überall läuft. Sondern richtige alternative Musik. Die Idee ist mir natürlich gekommen, als ich die Finnen von ,Lordi‘ gesehen hatte. Es gab am Anfang etwa 100 Künstler oder Bands, oder wie man die nennen will… und wir kamen zum nationalen Halbfinale durch. Für den Auftritt dachten wir, dass wir live spielen sollten. Keiner hat uns gesagt, dass es Playback wird. Das war kompletter Quatsch. Eine richtige Enttäuschung. Ich würde diese Playbackscheiße komplett verbieten. Aber es war im Endeffekt ein guter Scherz für unsere Fans.

Letztendlich bestimmt aber Lukaschenko wer Belarus vertritt bei der Eurovision?
Ales: Bestimmt (lacht). Ohne ihn wird hier keine einzige Entscheidung getroffen…

Du hast einen Tattoo-Laden in Minsk. Wie läuft es?
Ales: Nee, es ist nicht mein Laden. Ich arbeite als Tätowierer für das älteste Studio im Land ‚U lisitsy‘ (Zur Füchsin). Ich bin dort schon seit dreizehn Jahren. Meine Spezialität, sind traditionelle Weißrussische Tattoos, Ornament-Tattoos die ich selber entworfen habe. Ich habe auch Tattoo-Festivals bei uns organisiert. In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der Läden bei uns sich um das Sechsfache gesteigert. In Grodno, eine mittelgroße Stadt an der polnischen Grenze, zum Beispiel, gab es 2010 genau drei Studios, mittlerweile aber fünfzehn. Leider haben wir uns selber sehr viel Konkurrenz geschaffen, aber es sind sehr begabte Künstler dazugekommen…

Die Pandemie hat euch keinen Strich durch die Rechnung gemacht?
Ales: Es geht, wir arbeiten weiter. Nur soll der Kunde sich vorher anmelden. Und wir arbeiten jetzt mit Masken.

Wann kommt ihr nach Deutschland?
Ales: Ich wäre sehr glücklich bei einem Festival in Deutschland mitmachen zu können. Wir waren oft in Lettland und Litauen, in Polen. In Frankreich hatten wir ein Paar Auftritte, aber in Deutschland waren wir noch nie. Bei euch gibt es sehr viel Bier Folk Metal, wie ich es nenne. Ich würde daher liebend gerne unsere weißrussische Art von Folk Metal auf der Bühne zeigen. Wir hatten hier zu Lande sogar ein einzigartiges Projekt mit einem Symphonieorchester, einem Chor von alten Omis, unserer Band mit Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug und traditionellen weißrussischen Instrumenten. Das war richtig klasse. Ich bin mir sicher so etwas würde auch in Deutschland ankommen. Das einzige Problem bei uns ist, dass wir, trotz großer Bekanntheit, alles alleine machen. Aber wer möchte, darf uns gerne einladen.

Interview von Ardy Beld im Dezember 2020

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