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Interviews

Veröffentlicht am: April 3rd, 2021 | durch Florian Puschke

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Kellergeister: Ein Jubiläum im Lockdown

Als mir die Kellergeister vor gut 20 Jahren das erste Mal über den Weg liefern, hatte die Band tatsächlich ein kleines Geheimnis verborgen. Wer war da am Gesang, wer an den Instrumenten? Etwa eine versteckte All-Star-Punkband? Jedenfalls fand und finde ich die Alben „Tut uns Leid“, „Verkohltes Land“ und vor allem „Kommando Sonderzeichen 74“ bis heute richtig gut. Spätestens mit den Alben „Wir in diesen Tagen“ und auch dem aktuellen Werk „Im Strom der Zeit“ ist die Bandbesetzung geklärt. Gleichgeblieben sind über all die Jahre die schönen Punkmelodien, mehrstimmiger Gesang und kleinen Hymnen aus dem Ruhrgebiet. Alles n allem sind die Kellergeister eine sympathische Band, mit der man sich auseinandersetzen sollte, wenn man Sinn für deutschsprachige Punkmusik hat. Wir haben uns mit Karin von den Kellergeistern unterhalten. Seid gespannt auf die Antworten.

Hey Karin. Schön, dass du dir die Zeit nimmst. Wobei erwischen wir dich gerade?
Karin: Hallo, vielen Dank für das Interesse an meiner Band. Ich genieße das schöne Wetter auf dem Balkon und nehme mir die Fragen vor.

Für diejenigen die die Kellergeister noch nicht kennen. Stell deine Band (inkl. Bandnamen 😊) mal kurz vor.
Karin: Die aktuelle Band besteht aus Jente an den Gitarren, Ingo spielt Bass und singt Chöre, Recke ist für Chöre und Texte zuständig, Michel spielt alle anderen Instrumente, komponiert, singt und schreibt Texte. Und dann bin da noch ich, Karin. Die Chefin der Band und für Gesang, Texte und Ideen zuständig. Es gibt neben der Punkband „Kellergeister“ noch „Die Kellergeister“, die ihren Schwerpunkt auf Schalke-Rock und das Ruhrgebiet, aus dem ich komme, gelegt haben. Dort haben wir noch Frank F. als Texter und einige Schalker in den Chören dabei.

Ihr seid mittlerweile 25 Jahre am Start. Wie würdest du die Kellergeister von heute mit den Kellergeistern von vor 25 Jahren vergleichen. Was hat sich geändert? Was ist gleichgeblieben?
Karin: Die Band „Kellergeister“ habe ich 1989 gegründet. Letztlich ist es so, fast alles hat sich geändert, außer dass ich von Anfang an dabei bin. Michel kam als festes Bandmitglied 1997 dazu, Recke ist seit 2010 dabei und Jente und Ingo sind seit 2016 an Bord.

Die Kellergeister kann man unter anderem auch durch euer nettes Maskottchen erkennen. Wie nennt ihr diesen und wer hat ihr entworfen?
Karin: Es gibt ja mehrere gezeichnete Geister, Du meinst den Trinkgeist. Den hat Michel gezeichnet. Alle anderen Geister hat aber Axel Meyer gezeichnet und erfunden. Axel war Schlagzeuger der Band „Die einsamen Stinktiere“. Diese waren damals auch einige Zeit die Liveband der Kellergeister.

Zu Beginn eurer Karriere wusste man nicht genau, wer sich hinter den Kellergeistern verbirgt. Selbst das OX hatte in einer Review die Frage nach den Bandmitgliedern gestellt. Wieso hattet ihr am Anfang ein Geheimnis um die Bandbesetzung gemacht? Oder waren es gar keine festen Bandmitglieder?
Karin: Die ganze Geheimniskrämerei war darin begründet, dass es bei den Kellergeistern nicht um einen Personenkult gehen sollte. So nach dem Motto: „Tommy von „Molotow Soda“ bürgt für gute Qualität.“ Oder ähnlichen Quatsch, der den Verkauf ankurbeln sollte. Es gab am Anfang in diesem Sinne ja auch keine Band. Die Kellergeister waren eher ein Projekt, bei dem ich mit Freunden Musik machte und Lieder aufnahm.

Wer war der erste, der euch „entlarvt“ hat?
Karin: Entlarvt hat uns niemand, aber irgendwann wurden die Spekulationen über mögliche Gastsänger zu absurd.

Die letzten beiden CDs geben die Bandbesetzung unverhohlen preis. Genug von den Versteckspielen?
Karin: Nach unserer langen Pause, von 1999 bis 2010, haben wir die Namen dann angegeben, soweit das möglich war. So kann es keine Spekulationen mehr geben, aber letztlich geht es, nach wie vor darum mit Freunden ein paar schöne Songs aufzunehmen.

Schön an Kellergeister-Songs sind unter anderem die verschiedenen Stimmen. Wie entstehen bei euch Songs und wie wird entschieden, wer denn den Gesang übernimmt?
Karin: Das ist kein magischer Prozess, mal hat der Eine einen guten Text, mal hab ich ein paar Ideen. Dann wird die Musik aufgenommen und zum Schluss entscheidet sich, wer welche Strophen singt.

Wenn du eure Discografie Revue passieren lässt, welches Album ist dir besonders wichtig und warum?
Karin: Bis jetzt haben wir folgende CDs veröffentlicht:
Kellergeister: „Verkohltes Land“ 1993, „Tut uns leid“ 1995, „Kommando Sonderzeichen 74“ 1998, „Wir in diesen Tagen“ 2012.
Die Kellergeister: „Nordkurve“ 1996, „Kumpel & Malocher Edition“ 2014, „Im Strom der Zeit“ 2018.
Letztlich sind sie alle wichtig, oder waren es zumindest, als wir sie gemacht haben. Besonders hervorheben möchte ich aber die „Kommando Sonderzeichen 74“. Die hatte auch Recke besonders gut gefallen und ist somit die Scheibe, dank der wir uns 2010 kennengelernt und 2011 geheiratet haben. Ohne seine Texte wäre es wohl nicht zur „Wir in diesen Tagen“CD gekommen.

Und welche Kellergeister – Songs sind dir ans Herz gewachsen? Welche würdest du neuem Publikum als Einstiegsdroge empfehlen?
Karin: Das ist immer auch von der aktuellen Stimmung abhängig, … Im Augenblick ist es bei mir der Song „Wir Kellergeister“, von der CD „Im Strom der Zeit“.
G. Recke: Unsere Hymne zum Bandjubiläum. Ursprünglich hatte ich den Text Karin, der Bandgründerin zum Geburtstag geschrieben. Michel hat eine tolle Melodie geschrieben und das Lied eingesungen. Schon in der Rohversion war uns klar, dass dieses Lied unsere Hymne wird.“
Karin: Die Rohversion hat den Titel „KELLERGEISTER – Mogan“.

Auch habt ihr immer mal wieder Cover-Songs am Start. Welche sind euch besonders wichtig?
Karin: „Zeig mir den Platz in der Kurve“, mit diesem Lied begann damals für mich der Mythos. Anfang der 70er Jahre musste ich als Achtjährige fasst ein Jahr im Krankenhaus verbringen. Das Krankenzimmer teilte ich mir mit zwei Frauen, von denen ich bis heute glaube, dass sie absolute Schalkerinnen waren und es noch immer sind. Wir haben jeden Abend gesungen, die meisten Lieder handelten von Schalke. Ich hatte damals keine Ahnung, wer oder was Schalke war. Aber für mich war es der schönste Ort der Welt.

Wie steht ihr prinzipiell zu Punk-Covern bekannter Songs? Eine Kellergeister Weihnachts-CD gab es zum Beispiel noch nicht.
Karin: Gut gemachte Coverversionen machen immer Spaß, die haben schon ihren Sinn. Eine Weihnachts-CD, darüber haben wir uns nie Gedanken gemacht.

Nach langer Zeit erschien die „Wir in diesen Tagen“? Wieso gab es seinerzeit eine so lange andauernde Kellergeister – Pause?
Karin: Nun, damals war ich beruflich und privat schwer eingespannt, da blieb keine Zeit für die Kellergeister. Michel war mit seinen jeweiligen Bands auch viel beschäftigt. Irgendwann, 2007 haben wir den Song „Wenn Du mich suchst“ aufgenommen, was den Effekt hatte, dass Recke das als Lebenszeichen gewertet hat und sich gleich mal als lesendes Vorprogramm angeboten hat. Er schreibt ja Bücher. Aus dem lesenden Vorprogramm ist zwar nichts geworden, dafür ist er jetzt festes Bandmitglied und mein Ehemann.

Auf welche Songs der „Wir in diesen Tagen“ bist du besonders stolz?
Karin: Es sind viele gute und wichtige Lieder drauf, „Alptraumjob“ ist ein leider wichtiger Song, der sich um Mobbing am Arbeitsplatz dreht, „Finger in der Wunde“ ist auch schön. Uns wurde von einigen Seiten bescheinigt, dass wir mit dieser Platte ein gelungenes Punk-Alterswerk abgeliefert haben.

Welche Kellergeister-Anekdote gibt es aus dieser Zeit zu erzählen. Gerade da ihr eine so lange Pause hinter euch hattet?
Karin: Es war schon eine tolle Sache mit den alten und neuen Kellergeistern im Tonstudio die Songs wachsen zu sehen. Es gab viele magische und auch idiotische Momente, aber manches bleibt lieber unerwähnt.

„Im Strom der Zeit“ ist bis dato euer letztes Release. Ein Album das unter anderem dem Fußball gewidmet ist. Wie kam es zu dieser blau-weißen Entscheidung?
Karin: Ich bin in Wanne-Eickel geboren und in einer Zechen-Siedlung aufgewachsen. Unsere Spielplätze waren die Kohlen- und die Steinhalden. Es war einfach so, neben Slade, Sweet, T-Rex usw. wurden Schalkelieder gesungen. Diese Kumpel und Malocher Mentalität liegt mir im Blut.

„Im Strom der Zeit“ als letzter Output? Wann dürfen wir mit neuem Material rechnen?
Karin: Das ist, wie so oft bei den Kellergeistern. Abwarten, vielleicht kommt noch was, vielleicht ist erstmal eine Weile Ruhe.

Kannst du und schon eine Textzeile verraten, die wir vielleicht auf einem kommenden Album hören dürfen?
Karin: Keine Eile, irgendwann gibts bestimmt eine neue Zeile. Keiner hat behauptet, dass wir ein neues Album machen. Geduld ist immer eine gute Option.

Im Corona-Wahn schließen sich manche sicher vor Langeweile in den Keller ein. Wie verbringt ihr die Konzertfreie Corina Zeit?
Karin: Im ersten Lockdown war ich bis Mitte Mai noch voll beschäftigt, mit der Gestaltung und dem Satz des „Warm durch die Nacht“ Buches. „Warm durch die Nacht“ EV ist ein Gelsenkirchener Charity-Projekt, welches Abend für Abend dafür sorgt, dass Bedürftige eine warme Mahlzeit bekommen. Ein toller Verein, der viel Gutes tut, weil es leider nötig ist.
Nun, wir sind ja eh nicht so die Liveband, die viel unterwegs ist. Das ist dann für Jente und Ingo mit ihrer Band „Tante Inge“ oder für Michel schon härter. Auch Recke vermisst es mit seinen Geschichten auf die Bühne zu gehen. Wir hoffen einfach, dass es irgendwann wieder möglich ist, Konzerte zu sehen oder zu geben. Ansonsten male und zeichne ich viel und werde, dank einiger Übungsbücher, besser.

Was vermissen Kellergeister derzeit am meisten?
Karin: Die Möglichkeit unsere Freunde zwanglos sehen zu können, oder gemeinsam in den Urlaub zu fahren.

Auch dein Mann ist künstlerisch aktiv. Unter anderem als Autor. Wie unterstützt er die Kellergeister und wie unterstützen die Kellergeister ihn?
Karin: Recke schreibt viele Texte für die Band, zum Teil gemeinsam mit Michel. Ihm kam bei seinem letzten Buch , „RestAlkohol, die Geschichte einer Band“, die Mitgliedschaft bei den Kellergeistern zu Gute, da er einige Musiker für den Tribute-Sampler so bestimmt etwas einfacher für seine Ideen gewinnen konnte. Außerdem gestalte und setze ich seine Bücher.

Wenn dein Mann die Biografie über die Kellergeister schreiben würde: Was wäre die Überschrift?
Karin: Puh, schwere Frage. Vielleicht: Hierhin gehört „Die Überschrift“.

Welche Projekte werdet ihr in den nächsten Wochen und Monaten in Angriff nehmen?
Karin: Recke tüftelt an einem neuen Buch, vielleicht wird es auch irgendwann weitere Lieder geben, mal sehen.

Kommen wir zum Ende des Interviews. Wenn du jeweils drei Wünsche frei hättest, was würdest du dir wünschen für:
Punkrock 2021
Karin: Dass viele Clubs die Zeit irgendwie überstanden haben und dass die Bands bald wieder vor einem echten Publikum auftreten können.

Kellergeister
Karin: Als Wunsch? Die Rock ‚N‘ roll Hall of Fame dürfte uns gerne aufnehmen.

Fußball – Bundesliga
Karin: Ich wünsch mir, dass es im Fußball und in den Einstellungen mancher Akteure wieder mehr um Ehrlichkeit, Zusammenhalt und Respekt geht. Also um traditionelle Werte, mit denen man sich als Fan auch identifizieren kann.

Vielen Dank für das Interview. Die letzten Worte gehören dir.
Karin: „Unsere Träume, unsere Ziele haben immer noch bestand…“

Wir bedanken uns bei Karin für das ausführliche Interview im Februar 2021. Sehr erfreut waren wir, ein Interview mit der Chefin der netten Geister führen zu dürfen. Wer die Band noch nicht kennt, dem raten wir hier von herzen mal reinzuhören. Und wenn es im Haus raschelt, gebt Vorsicht. Es könnten Kellergeister sein. Nicht gemein – aber schlagfertig. Wer mehr von den Kellergeistern wissen möchte, der schaut nach unter: facebook.com/DieKellergeister. Viel Spaß beim Entdecken.

Interview von Thorsten im Februar 2021

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