Markus Keimel ist ein Künstler, der sich nicht so leicht in eine musikalische Schublade stecken lässt. Seine Songs bewegen sich zwischen Singer-Songwriter, Pop und Rock, getragen von einer warmen, emotionalen Stimme und einer bewusst persönlichen Note. Der Österreicher schreibt bereits seit seinem zwölften Lebensjahr eigene Lieder und stand mit 14 Jahren erstmals auf einer Bühne.
Mit „Flowerz“ legt Markus Keimel nun seine neue Single vor. Der Song beschäftigt sich mit einem Thema, das ihm besonders am Herzen liegt, und wird von einem Musikvideo begleitet. Wir haben den Release zum Anlass genommen, mit dem Musiker über die Entstehung von „Flowerz“, persönliche Erfahrungen, seine Sicht auf die Welt und die Dynamiken hinter seinen Songs zu sprechen. Außerdem verrät Keimel, was musikalisch als Nächstes geplant ist.
Markus, kürzlich ist deine neue Single „Flowerz“ erschienen? Mittlerweile hat das Video schon über 60.000 Aufrufe. Worum geht es im Lied?
Markus Keimel: Was die überwiegende Botschaft des Liedes betrifft, möchte ich damit ein Zeichen gegen Mobbing setzen. Ausgrenzung, Schikanierung und Demütigung sind leider feste Bestandteile unserer Gesellschaft, die Menschen vom Kindesalter bis hin ins hohe Alter begleiten. Es gibt schlichtweg keinen gesellschaftlichen Bereich, der nicht davon betroffen ist. Das macht mich unfassbar traurig und ich möchte dieses Übel nicht als alternativlosen gesellschaftlichen Kollateralschaden hinnehmen. Der Song ist allen Menschen gewidmet, die Ausgrenzung oder Ungerechtigkeit erfahren haben, und soll Mut machen, den eigenen Wert niemals aus den Augen zu verlieren.
Warum hast du dich für den Titel „Flowerz“ entschieden – und was symbolisieren Blumen für dich?
Markus Keimel: Die Metapher kam zustande, weil Menschen aus meiner Sicht betrachtet, wie Blumen sind: In einem Umfeld voller Respekt, Wertschätzung und Liebe können sie aufblühen und ihre ganze Schönheit entfalten. Werden sie hingegen ständig verletzt oder klein gemacht, beginnen sie zu verwelken. Mit „Flowerz“ möchte ich daran erinnern, dass jeder Mensch die Chance verdient, aufzublühen – und dass Mobbing niemals Akzeptanz erfahren darf. Zudem sind Blumen das ultimative Sinnbild des Lebens. Wir Menschen brauchen sie, die Tiere brauchen sie. Ehre sie, indem du sie nicht pflückst, sondern pflanzt.
Hast du selbst Erfahrungen mit Ausgrenzung oder Mobbing gemacht, die in den Song eingeflossen sind?
Markus Keimel: Ich wurde in meinem Leben sehr häufig ausgegrenzt. Im Grunde passiert mir das auch heute noch und ich kenne kaum jemanden, der damit keine Erfahrungen mit sich herumträgt. Fast jeder aus meinem Bekannten- und Freundeskreis erzählt Geschichten aus familiären, anderweitig sozialen oder auch arbeitsbedingten Verhältnissen, die einem schwer auf das Herz gehen. Was mich persönlich auch sehr schmerzt, ist, dass ich in etwa zwei Jahren meiner Jugend- und Schulzeit auch selbst jemand war, der andere gemobbt hat. Dieses Verhalten kann ich aus heutiger Sicht zwar erklären, aber nicht rechtfertigen und schon gar nicht wieder gutmachen. Mit liegt deshalb viel an diesem Thema, da ich es aktiv und auch passiv in vielen unterschiedlichen Facetten erlebt habe und es in unserer Gesellschaft zunehmend an Gewicht gewinnt.
„Flowerz“ klingt erneut sehr organisch und handgemacht. Ist diese Wahrnehmung korrekt und ist dir dieser Charakter deiner Musik wichtig?
Markus Keimel: Mir liegt sehr viel an Natürlichkeit. Das zieht sich im Übrigen aber über alle meine Lebensbereiche. Ich mag es nicht, wenn Musik künstlich klingt oder erzeugt wird, weil sie dadurch an Menschlichkeit verliert. Und wo Menschlichkeit verloren geht, geht der ursprüngliche Sinn von Musik und besonders unserer zivilisatorischen Existenzgrundlage verloren. Ich mag und will es auch, mit meiner Musik angreifbar und natürlich zu klingen, weil ich selbst dadurch auch verletzlicher und angreifbarer bin. Es erzeugt eine viel größere Intimität, echt zu sein, verletzlich zu sein, als einen Computer für sich sprechen zu lassen. Bedeutsame und überdauernde Dinge sind und waren immer handgemacht. Das wird sich nie ändern. Manche Menschen wissen das bereits, manche werden es erst lernen.
Was muss ein Song für dich haben, damit du ihn selbst wirklich gut findest?
Markus Keimel: Tiefe, Ästhetik, Charakter und Wiedererkennungswert. Das gilt für die Musik, die ich höre, und die, die ich mache. Ich lege bei meinen eigenen Songs einen hohen Wert auf Wiedererkennungswert und Melodie, weil das für mich das Fundament von Musik bildet. Ich verzichte daher bis heute auf technische Unterstützung oder Recording-Tools, wenn es darum geht, mir eine neue Melodie zu merken oder Ideen festzuhalten. Ich verfolge da einen harten Grundsatz: Kann ich mir die Melodie oder die Idee nach der Erstkomposition nicht mindestens drei Tage im Kopf merken, ohne sie zu wiederholen, ist sie zu schlecht, um sie zu seriös zu verarbeiten. Oder um es anders zu sagen: Wenn sich mein Gehirn merkt, was mein Herz kreiert, können wir gemeinsame Sache machen.
Du machst schon viele Jahre Musik. Hat sich dein Songwriting im Laufe der Jahre verändert?
Markus Keimel: Was sich nicht verändert hat, ist, dass ich Songs nach wie vor auf der Akustik-Gitarre komponiere. Die Gitarre verwende ich somit als Brückenschlag zwischen meiner Seele, dem nicht Sichtbaren, und der Außenwelt, dem, was am Ende sichtbar wird. Das kommt daher, da die Gitarre einfach mein Hauptinstrument ist. Ich komponiere also teilweise sogar Klavierarrangements zuerst auf der Gitarre und passe sie dann dem anderen Instrument an.
Mir war beim Songwriting noch nie wichtig, möglichst viel hineinzupacken, um zu zeigen, was ich so alles kann. Ich habe da seit je her einen minimalistischen Zugang, der die Emotion an erste Stelle reiht. Und nicht meine musikalischen Fertigkeiten. Virtuosität kommt nicht von vielen Noten, sondern von möglichst wenigen. Was sich geändert hat, ist, dass ich diesen Zugang aufgrund der Erfahrung viel bewusster und versierter einsetzen kann.
Ist es schwieriger geworden, mit eher zeitloser, handgemachter Musik Aufmerksamkeit zu bekommen?
Markus Keimel: Ich glaube schon. Es ist aufgrund von Social Media grundsätzlich schwieriger geworden Aufmerksamkeit mit der Sache an sich zu gewinnen und ich finde es traurig, dass so viele Musiker und Künstler auf diesen Trend bedingten Zug der Zeit aufspringen. Wie viele Musiker machen Spaßvideos oder folgen Trends im Erstellen von Content, um damit mehr Aufmerksamkeit auf ihre Musik zu lenken. Was am Ende nicht nur ein Irrglaube ist, sondern auch ein bisschen ein Bloßstellen von sich selbst. Denn am Ende hat das Spaßvideo zwar viele Aufrufe, aber das worum es eigentlich geht, ihre Musik, bleibt dennoch auf der Strecke. Irgendwo ist das würdelos.
Was mir heute im Gegensatz zu vergangenen Jahrzehnten gar nicht gefällt, ist, dass Musik sich uniformierter und unfreier anfühlt, als beispielsweise in den Neunzigern oder Zweitausendern. Sie klingt auch immer künstlicher und unmenschlicher. Irgendwie erzwungener und plastikartig. Kaum etwas hat einen eigenen Charakter. Mir gefällt das nicht und finde wenige neue Bands und Musiker, die mir wirklich gefallen.
Du hängst sehr an alten Zeiten oder? Woher kommt das, dass du altes so viel mehr magst als neues?
Markus Keimel: Wenn du eine neue Stadt bereist. Was inspiriert dich dort? Die Gebäude, die vor zwei Jahren errichtet worden oder jene, die man schon vor Jahrhunderten gebaut hat? Die Schönheit liegt meist im Alten. Und das hat einen Grund. Ich habe lange in meinem Leben, speziell die letzten zehn Jahre, gedacht, dass ich Fernweh nach einem anderen Ort habe. Dabei habe ich herausgefunden, dass es kein anderer Ort ist, nach dem ich mich sehne, sondern eine andere Zeit.
Inhalte sind heutzutage darauf ausgelegt, zu überreizen, zu provozieren. Jeder liebt die Eskalation. Niemand liebt Herzlichkeit und Bodenständigkeit. Es geht am Ende darum, dass die Menschen eine überbordende Abstumpfung erleben. Menschen finden das Totenkopfsymbol heutzutage geiler als das des Herzens. Was dabei irgendwie niemand bedenkt, ist, dass vor etwa neunzig Jahren die Schergen des dritten Reiches dieses Totenkopfsymbol getragen haben. Mir fehlt die Zeit, in der es mehr Sensibilität in diese Richtung gab. Vor Jahrzehnten hätte man dich schief angesehen, wenn du ein Totenkopfsymbol am Shirt trägst und das hatte einen Grund.
Themenwechsel: Welcher Song bringt dich zum Weinen? Welcher zum Lachen und welcher macht dich wütend?
Markus Keimel: Das ist ja einmal eine gute Frage. (lacht) Da muss ich kurz nachdenken...
Lieder, die mir wirklich sehr nahe gehen sind zum Beispiel Bedshaped von Keane, I don't want to wait von Paula Cole oder Sumerigusa von Enya. Da füllen sich meine Augen jedes Mal mit Salzwasser. Zum Lachen? Vielleicht Flying Through The Air von Oliver Onions. Das macht gute Laune. Wütend im wahrsten und negativen Sinne machen mich viele moderne und zeitgemäße Sounds, die sich dieser dumpfen aggressiven Dub-Beats bedienen. Also all dieses Gewummere. Das löst Stress in mir aus und ist maximal unangenehm. Ein Mitgrund, warum ich sogar bei plumpen Werbespots mittlerweile Aggressionen verspüre.
Was möchtest du mit deiner Musik bei den Menschen hinterlassen – einen Gedanken, ein Gefühl oder vielleicht sogar ein Stück Hoffnung?
Markus Keimel: Ich empfinde die Welt heutzutage als sehr laut, aggressiv, aufgebracht und hyperaktiv. Ich möchte mit meiner Musik einen Gegenpart dazu einnehmen. In erster Linie aber dient meine Musik ja mir selbst. Sie lässt mich absacken, fliehen und mich weich gebettet zurück. Das ist Selbsttherapie und eine Art Heilung, die vonnöten ist, weil die Welt der Menschen einen kontinuierlich schädigt. Zumindest eine feinfühlige Seele wie mich. Wenn sie diesen Effekt auch auf andere Menschen hat, und diese Menschen diesen Zustand mögen, dann haben wir uns gefunden.
Du bekennst dich ja häufig zum Tierschutz und zeigst offen, dass du Tiere liebst. Mit deinem Song „Marblehead“ hast du zudem eine Katzenhymne veröffentlicht. Welche Tiere haben es dir ansonsten angetan?
Markus Keimel: Ich liebe Hunde, da sie beispiellos treue, gutmütige und trollige Seelen sind. Da geht mir das Herz auf. Aber, mein Gott, Tiere sind wundervoll. Ich finde zum Beispiel auch Bisons sehr imposant und beeindruckend. So eine Herde auf einer weiten Ebene in Wyoming zu beobachten wäre doch ein schöner Gedanke. Vielleicht ein Traum, den ich mir irgendwann noch erfüllen werde. Aber grundsätzlich hat jedes Leben denselben Wert und jedes Tier hat eine Faszination und Eigenheit an sich, die es zu bewundern gilt. Tiere sind pur und ehrlich. Das haben die Menschen entweder verloren oder noch nie gewonnen. Ich tippe aber auf Letzteres.
Vor der Abschlussfrage kommt noch ein kurzer Wordrap. Vervollständige bitte folgende Sätze.
Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum … jeder denkt, dass man durch Kaffee-Konsum wacher wird.
Eine Sache, die mich sofort auf die Palme bringt, ist … Leichtgläubigkeit.
Wenn ich morgen Millionär wäre, würde ich … einen riesigen Gnadenhof für Tiere errichten.
Mein größter Spleen ist … alles zu kontrollieren bevor ich außer Haus gehe. Teilweise krankhaft bei mir. (lacht)
Was mich immer zum Lachen bringt, ist … unser Kater Murphy, wenn er sich hochstreckt und seine Hinterbeine dabei immer kürzer werden.
Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn … wenn alle bösen Menschen auf einmal einen Herzinfarkt bekämen. (lacht)
Wenn ich einen Tag lang alles tun könnte, was ich möchte, würde ich … „Love“ auf meinen Hintern tätowieren lassen, auf einem Bürostuhl zum Mond fliegen und ihn von dort in unendlich großer Dimension der ganzen Erdbevölkerung zeigen. Jede einzelne Nacht. (lacht)
Danke für das Interview, Markus. Eine Abschlussfrage haben wir noch: Was können wir als Nächstes von dir hören, lesen und erwarten?
Markus Keimel: Eine neue Single ist in Arbeit. Nächstes Jahr wird auch mein erstes Kinderbuch erscheinen. Ich schreibe zudem an einem Erwachsenen-Roman, der hoffentlich bald fertig sein wird. Es ist also vieles in Arbeit. Danke euch für das tolle Gespräch!
Foto Credit: Markus Keimel
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