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Interviews

Veröffentlicht am: April 2nd, 2021 | durch Florian Puschke

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„Ich will wieder tanzen“: Benjamin Krauss im Interview

Mit „Ich will wieder tanzen“ hat Benjamin Krauss eine Videosingle veröffentlicht, die zur Corona-Zeit passt. Mit „Löffel“ erscheint ein weiterer Song. Grund genug, dass wir uns mal mit dem Musiker unterhalten.

Moin Benjamin, wo erwischen wir dich gerade?
Benjamin: Ich sitze gerade auf meiner Lieblingsbank an der Blau – ein kleiner Fluß in Ulm den ich jeden Tag besuche, welcher am berühmten „Blautopf“ entspringt. Natur ist für mich ein tägliches Musthave. Dort kann ich abschalten und manchmal entstehen bei einem Spaziergang auch Lieder – so wie „Ich will wieder tanzen“.

Stell dich kurz vor, wer bist du und was machst du?
Benjamin: Ich bin der Benjamin aus Ulm und ich bin hauptberuflich Soloselbstständiger im Bereich Photoshop-Dienstleistungen und OnlineMarketing für Tourismusunternehmen und die Kulturbranche. Im März 2020 wurden wegen Corona auf einen Schlag alle Verträge gekündigt und ich war schon kurz davor bei einem Supermarkt Regale einzuräumen, als ich an einen Auftrag kam der bis heute andauert und mich glücklicherweise über Wasser hält. Dass ich jetzt meine erste Single rausgebracht habe war in der Form gar nicht geplant sondern hat sich einfach so ergeben.

Vom DJ zum Gitarrenmusiker – kann man das so sagen? Wie kam es dazu? Was oder wer war der Anlass?
Benjamin: Als Überschrift zieht das bestimmt gut :) Es war aber eher umgekehrt. Ich habe mit 5 Klavierunterricht bekommen und sang mit 7 als Solo-Sopran im Kinderchor im Saal vom Edwin-Scharff-Haus in Neu-Ulm. Das war die erste große Bühnenerfahrung. Mit 10 gab es die erste Gitarre und in der örtlichen Kantorei Bach’s Weihnachtsoratorium. Wenige Jahre später – 1992, da war ich gerade 15 geworden – standen mein Bruder Florian am Schlagzeug, der Bassist meiner Schulband und ich auf der Bühne beim Ulmer Altstadtfest „elfbiself“. Wir haben Songs von den Rolling Stones bis Nirvana gecovert und mein erstes eigenes Instrumentalstück gespielt. Mit unserer Band „Consider The Horse“ spielten wir dann ziemlich viele Gigs im Ulmer Raum – unter anderem das Obstwiesenfestival, ROXY und Ulmer Zelt. Als DJ habe ich im Club Schilli in Ulm angefangen als ich 18 war. Das Auflegen hat sich auch durch das Studium im schönen Wernigerode gezogen – in der Studikneipe lief nur Techno und HipHop – also haute ich den Studenten einmal pro Woche Gitarrenriffs aus der Dose um die Ohren. Das traf sich auch gut, weil wir zu der Zeit unser erstes „Rocken am Brocken Festival“ organisierten. Dort habe ich natürlich auch mal aufgelegt. 2018 gab es Freudentränen als ich mit dem „Munich Show Chorus“ bei den A Capella Weltmeisterschaften in der Münchner Philharmonie den „World Mixed Chorus Champion“-Titel holte. Ich hatte viele Bühnenmomente (nachzulesen in der live-Section auf benjaminkraussmusik.de) aber dieser ist bislang ungeschlagen. Seit letztem Sommer bin ich als DJ wieder aktiv. In Ulm gibt es den ROXY SoundGarden – Biergarten mit AHA-Regeln, Konzerte und DJs. Eine Sache auf die ich mich wieder sehr freue. Im Herbst 2020 habe ich bei der Ulmer Kulturnacht im Jazzkeller Sauschdall zum ersten Mal meine neuen Songs auf die Bühne gebracht. Das Feedback war unglaublich positiv und alles weitere führte zum jetzigen Punkt.

Mit „Ich will wieder tanzen“ ist deine erste Single erschienen – eine Corona-Idee sicherlich, oder?
Benjamin: „Ich will wieder tanzen“ ist am 01. Januar bei einem Spaziergang entstanden. Ich war richtig übel gelaunt und habe mich über Kleinigkeiten aufgeregt. Irgendwas stimmte nicht. Aber was? Beim Spaziergang kam es dann aus meinem Unterbewusstsein in meinen Kopf geschossen: Ich will wieder tanzen! Ich will wieder schrein‘! Mit tausenden von Leuten auf Konzerten sein! Die Melodie war sofort da – ich wusste: da ist gerade etwas echt geiles entstanden. Also brach ich den Spaziergang ab, ging nach Hause, schrieb binnen wenigen Minuten den Text, machte die Vorproduktion und im Anschluss einen Termin im Tonstudio. Manchmal geht das echt schnell mit den Songs. Ich muss das dann aber festhalten. Ansonsten ist so eine musikalische Inspiration für immer verloren. So gesehen bin ich Corona in gewisser Hinsicht dankbar: Aus richtig schlechter Laune ist mit dem Lied etwas positives entstanden. Und am schönsten ist die Rückmeldung von Menschen „das ist ein echter Gute-Laune-Song“. Es gibt keinen schöneren Moment, wenn ich mit meiner Musik den Leuten den Tag versüßen kann.

Dazu gibt es ein Video, welches ihr veröffentlicht habt – wer gehört zur Band bzw. wer hat dich beim Song an den Instrumenten unterstützt?
Benjamin: Mein Bruder Florian, der auch im Video zu sehen ist, spielt Schlagzeug. Alles andere habe ich eingespielt bzw. eingesungen. Eine Band gibt es aktuell nicht. Meine nächsten LiveStreams und hoffentlich auch wieder LiveAuftritte bereite ich aktuell ich mit meiner LoopStation vor. Die hat 3 Spuren – da kann ich also komplette Songs alleine spielen. Die Songs mit einer Band auf die Bühne zu bringen wäre aber auch echt geil.

Was kann man in Zukunft von dir erwarten? Sind weitere Songs in der Pipeline?
Benjamin: Am 02. April kommt die erste Single-Auskopplung „Löffel“ meiner im Juni erscheinenden EP „Essen . Angst . Liebe . Freiheit“. Bei der Single hatte ich Freunde im Studio: Ariane Müller von Suchtpotenzial spielt ein echt fettes Hammondorgelsolo. Wir kennen uns schon ziemlich lange. Bei ihrer Abiparty war ich damals der DJ. Mein Kumpel Itay Tsachor aus Konstanz hat ein southern-rockiges Gitarrensolo gespielt, Daniel Konold – der Inhaber vom WerkAll Studio in Ulm – spielt Bass und mein Bruder natürlich Schlagzeug.
„Löffel“ ist bereits 2017 entstanden und im Lied geht es um den Weg, den jeder in seinem Leben beschreitet. „Den Löffel abgeben“ sagt man, wenn jemand stirbt. Aber zu oft geben wir den Löffel bereits an andere ab, obwohl wir noch am Leben sind. Aus Angst oder Gewohnheit. Ich habe damals für mich entschieden: Ich mache weiter das, was mir Spaß macht (soweit es anderen keinen Schaden zufügt) – unabhängig davon, was dazu gesagt oder gedacht wird. Menschen wie Helge Schneider oder Ariane Müller sind in diesem Bereich meine Vorbilder. Ganz nach dem Spruch aus der Unendlichen Geschichte: Tu was du willst.
Ende März werde ich noch das Musikvideo drehen und schneiden. Da die anderen aber keine Zeit haben, werde ich die komplette Band im Video mimen. Es wird aber wahrscheinlich niemandem auffallen, dass das nicht Ariane Müller am StagePiano sitzt sondern ich (grinst). Im Mai kommt dann die zweite EP-Auskopplung „Honig und Käse“. Ein ziemlich funkig-punkiger Spaßsong und das Musikvideo hierfür wird von einem Künstlerpaar aus Freiburg erstellt. Fast jeden Tag kommen für mich neue Aufgaben dazu: GEMA, GVL, Pressearbeit, Video schneiden, Coronakonforme Gigs für den Sommer beschaffen – das ist schon ziemlich viel. Aber es macht unheimlich großen Spaß und ich möchte diese Musikzeit niemals missen – egal ob sich das am Ende auszahlt oder nicht. Ich laufe im dann Zweifelsfall mit meinem Ersparten gegen die Wand.

Wie durchlebst du die Corona-Zeit?
Benjamin: Ich bin notorischer Konzertgänger, JamsessionMusiker, Karaokeparty-Sänger und Salsatänzer. Da merke ich die Einschränkungen inzwischen deutlich an meiner Laune. Das tägliche ausgelassene Lachen und die Lockerheit gehen Stück für Stück verloren, dafür kommt so ein emotionsloser Nebel auf. Aber zum Glück habe ich meine Musik. Das kreative Schaffen, enge Freunde, Familie und Spaziergänge sind meine größten Kraftgeber. Ich bin sehr dankbar für diese wundervolle Basis in meinem Leben. Und Flachwitze. Flachwitze sind ein essentieller Bestandteil meiner Lebensfreude und schießen manchmal auch bei ernsten Diskussionen aus mir heraus (grinst).

Gibt es musikalische Vorbilder?
Benjamin: Meine Inspiration wird genährt von meinen Alltime-Lieblingen: Dave Matthews Band, 311, Tower of Power, Beatles und Porcupine Tree. Früher habe ich auch sehr viel Europe, Def Leppard, Bon Jovi, Metallica, Saxon, Aerosmith, Status Quo, Prodigy und Propellerheads gehört, ziehe mir immer gerne die Beatsteaks und die Ärzte rein, verehre den großartigen Stoppok und hatte alle Schallplatten der Ersten Allgemeinen Verunsicherung.
Wenn man das alles in einen Topf wirfst, kann man sich ungefähr vorstellen, was auf meiner EP passieren wird ;)

Vielen Dank, die letzten Worte gehören dir!
Benjamin: Ich bin müde von aggressiven Coronadiskussionen. Wenn jeder einen Hauch mehr Freundlichkeit in den Tag bringt und sich erst informiert bevor man was zur Diskussion beiträgt, dann sind wir dem Weltfrieden einen Mikrometer näher. Mein Herz ist ein Hippie, ich bin für Umarmungen und Lächeln – nicht für gegenseitiges Anschreien und Schuldzuweisungen. Davon abgesehen freue ich mich schon auf die Zeit nach Corona. Ich werde nur noch auf Konzerte gehen. Diese grinsenden Gesichter, diese Energie, diese Lebensfreude – das ist so unglaublich wunderbar. Rock’n’Roll entspannt. Deshalb gehe ich jetzt erst mal nach Hause und rocke eine Runde zu Red Fang in meinem Zimmer.

Interview von Florian P. im März 2021

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