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Interviews

Veröffentlicht am: November 16th, 2020 | durch Florian Puschke

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Daj Darogu: Frontmann Juri im Interview

1998 wurde die Band ‚Daj Darogu‘ gegründet. Seitdem haben die Punkrocker aus der weißrussischen Grenzstadt Brest sieben Studioalben und zwei Unplugged CDs gemacht. Der Stil hat sich vom anfänglichen Uffta Uffta zum Pop-Punk à la Blink-182 entwickelt. Im Heimatland hat die Band eine enorme Fangemeinschaft. Das letzte Album ‚Pod voj sobak‘ (während die Hunde heulen) das am 22.10.2020 erschien, bezieht sich direkt auf die Diktatur Lukaschenkos, die Massenproteste nach der Präsidentschaftswahl am 9. August und die allgegenwärtige Polizeigewalt. Ich sprach mit Juri Stylski, Gründer, Sänger und Gitarrist der weißrussischen Band.

Du wurdest einige Male verhaftet wegen Teilnahme an den Protesten. Kannst du darüber etwas erzählen?
Juri: Ich war am 15. August auf dem Leninplatz so wie es ihn in allen ehemaligen Sowjetischen Provinzstädten gibt. Wir hatten dort eine Demo vereinbart mit anderen wo wir im Endeffekt nur zu 7 waren, da es uns als Einzigen gelungen war über die Absperrungen zu klettern. Wir hatten eine Riesenfahne in Weiß-Rot-Weiß bei uns. Die Bullen hatten uns die ganze Zeit über gefilmt. Als Beweis für unser Verbrechen wahrscheinlich. Dann zogen wir endlich los von diesem Platz. Es schlossen sich Tausende Leute an. So sind wir durch die Stadt gezogen. Als ich dann abends nach Hause kam warteten die Bullen schon auf mich und haben mich festgenommen.

Und wann wurdest du freigelassen?
Juri: Am nächsten Tag war die Hauptforderung während der Proteste, dass der Bürgermeister mich sofort rauslassen sollte. Mich kennt fast jeder in unserer Stadt. Das hat sich dann ausgezahlt. Auf Befehl des Bürgermeisters wurde ich freigelassen. Und später wurde ich trotzdem noch mal für 2 Tage eingesperrt.

Aber du bist weiterhin zu den Demos gegangen?
Juri: Ja, schon. Aber nicht mehr vorne als Anführer. Ich war in der Menge.

Hattest du nicht mal das Gefühl, egal was passiert, ich geh nach vorne, die Stadt gehört jetzt uns?
Juri: Klar. Solche Gefühle hatte ich immer. Aber meine Freunde haben mich zurückgehalten. Die meinten hier können wir dich besser gebrauchen als auf der anderen Seite der Gefängnismauer. Lukaschenko hat auch gesagt: ‚wir arbeiten gezielt auf bestimmte Personen, die ‚Rädelsführer‘ schalten wir aus‘. Die hätten mich sofort eingebuchtet wenn ich öffentlich aufgetreten wäre.

Wird weiterhin Druck ausgeübt?
Juri: Es kam einige Male ein Polizist aus unserem Viertel zu mir um mich ‚zur Vernunft‘ zu mahnen. Einmal wurde ich zur Spezialeinheit für organisiertes Verbrechen gebracht. Die haben mir ganz klar gesagt, wenn ich noch mal erwischt werde und die Leute zu ‚extremistischen Aktivitäten‘ aufrufe, dann wird es ernsthafte Folgen für mich haben. Ich habe ein Protokoll unterschreiben müssen.

Extremistische Aktivitäten?
Juri: Mit Steinen schmeißen und so… Danach habe ich trotzdem teilgenommen an einem Konzert in einer Wohnsiedlung. Dort habe ich draußen aufgetreten mit der Gitarre. Schöne Lieder gespielt. Da kam die Spezialeinheit OMON um alle zu verhaften. Einer der Leuten die dort leben hat mich schnell in seiner Wohnung versteckt. Ich bin erst tief in der Nacht weggeschlichen. Wir haben durch die Jalousien geguckt um uns zu vergewissern dass die Bullen endlich abgezogen waren. Danach habe ich mir eine Jacke geborgt und bin mehr oder weniger vermummt nach Hause gekommen.

Zuerst sollte die neue Platte wie das Lied ‚Njet na vas mentov‘ (sogar die Bullen sind noch zu gut für euch) heißen. Wieso habt ihr den Namen geändert?
Juri: Die Arbeitsversion hieß noch so. Da hatten wir ein lustiges Comicbild drauf mit tanzenden Leutchen und Blümchen und Mädels. Das ging einfach nicht mehr. Nachdem die Proteste und vor allem die Polizeigewalt am 9 und 10 August richtig angefangen haben, da war uns nicht mehr nach Albernheit.

Einer meiner Lieblingssongs ist ‚Syomnaja Chata‘ (gemietete Bude) aus 2015. Er erinnert mich an die frühen Ramones. Wollt ihr noch mal zurück zur richtigen Drei Akkorde-Mucke?
Juri: Ah ja, orthodoxe Punksachen finde ich auch klasse. Aber ich kann nicht versprechen, dass wir wieder komplett zum Punk zurückkehren. Ich lass mich lenken von meiner Laune beim Schreiben der Lieder. Kann mal etwas schnelleres dazwischen sein. Auch etwas poppigere Sachen. Unser Album ‚Skvoz Govno‘ (Quer durch die Scheiße) aus 2012 finde ich selber auch sehr gelungen.

In deinen Texten geht es außer Polizeigewalt und Diktatur viel um alltägliche Probleme, Stress mit dem Vermieter, Gehälter die nicht ausgezahlt werden, Träume vom Urlaub am Meer. Könnt ihr alleine von der Musik leben oder geht ihr nebenbei arbeiten?
Juri: Ich alleine kann mich über Wasser halten. Ich mache Privatkonzerte, akustisch. Auf Feiern und Hochzeiten trete ich auf. Da geht’s. Ich kann leben von meinem Talent so zu sagen. Für die ganze Band reicht es leider nicht.

Wie sieht es mit offiziellen Konzerten und Festivals aus?
Juri: Momentan ist da gar nichts mehr los. 2018 haben wir noch teilgenommen am Festival ‚Most‘ (Brücke). Da waren 45 000 Besucher. Das ist an so einem Flugplatz. Und da gibt’s noch ‚Rock dlja Bobrov‘ (Rock für Biber). Sind aber alle abgesagt. Es gibt momentan nichts mehr zur allgemeinen Volksbelustigung. Wegen Quarantäne und der Proteste.

Ich dachte Lukaschenko wollte nicht mitmachen mit der Quarantäne? Da gab es endlich mal was gutes von dem…
Juri: Na ja, jetzt muss er irgendwie mitmachen. Aber es ist eher so, dass er die Maßnahmen benutzt wenn sie ihm in den Kram passen. Wegen der Pandemie ist zum Beispiel kein Besuch im Gefängnis erlaubt.

Ihr habt oft durch Russland getourt. Die politische Situation dort ist vergleichbar mit der in Weißrussland. Trotzdem gibt es nur wenige russische Punkbands die wie ihr eine klare Botschaft abgeben. Bands wie Tarakany, Mongol Shudan und Plan Lomonosova äußern sich nie regimekritisch, der Sänger von Va-Bank hat sich sogar als Putinfan geoutet. Kennst du diese Leute und hast du eine Erklärung für deren passive Haltung?
Juri: Vielleicht gefällt denen alles? Es gibt schon einige russische Punkbands die sich gegen Putin richten. In Interviews und Texten. Ich denke dass für die Bands die du nanntest der Druck im Land noch nicht so groß ist wie bei uns.

Was ist deine Erwartung? Wohin werden die Proteste führen?
Wenn ich mir die Sache so von der Wirtschaft her anschaue, dann wird es uns Weißrussen dadurch wirklich nicht besser gehen. Ich bin mir sicher, dass die Führungselite genug Goldreserven hat um es noch einige Zeit auszuhalten. Ich bin nicht überzeugt von diesen friedlichen Protesten… Die Leute zahlen Bußgelder ohne Ende, davon werden dann wieder die Bullen bezahlt. Es ist ein Kreis. Ich befürchte, dass wenn sich die Proteste nicht radikalisieren und es weiterhin keinen ernsthaften Widerstand gibt, sich auf Dauer nichts ändern wird. Mit friedlichen Massenprotesten kann man der ganzen Welt zeigen ‚guckt mal was bei uns abgeht‘, aber den Sessel der Macht richtig ansägen, können wir damit leider nicht.

Wann können wir Daj Darogu in Deutschland erwarten?
Juri: Sobald ein deutscher Veranstalter uns findet. Wir warten nur noch auf eine Einladung. Instrumente nehmen wir selber mit. Und wir sind sehr pflegeleicht.

Interview von Ardy im Oktober 2020

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