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Interviews

Veröffentlicht am: November 28th, 2019 | durch Florian Puschke

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„Bullshit Bingo“: Chris von der Düssel im Interview

Bullshit Bingo!  Ein Album mit Ansage. Sehr gefreut habe ich mich, als ich das Debüt von Chris van der Düssel in der Hand hielt. Songs, die bewegen mit guten Texten und auch musikalisch variabel aufgebaut. Natürlich war der gute Chris auch bereit, uns einige Fragen zu beantworten.

Hey Chris. So kurz nach dem Release. Wie geht es dir?
Chris: Ziemlich gut bis perfekt würde ich sagen. Liegt aber auch daran, dass es nach dem Release erstmal ein paar Tage in den Familienurlaub nach Ägypten ging. Tolles Land, tolle Menschen und abschalten pur bei 32 Grad.

„Acoustic Randale“ bezeichnest du dein Schaffen und bewegst dich zwischen Liedermacher und Punk. Erzähl uns kurz, was über „Acoustic Randale“ und wie das Projekt entstanden ist.
Chris: Irgendwie braucht ja jeder so seine eigene Bezeichnung für seine Musik 😊. Entstanden ist Acoustic Randale eigentlich als ich bei Kopfecho ausgestiegen bin. Wollte dann einfach mal was ganz anderes machen und irgendwie alles auf Reset stellen. Also dachte ich mir warum nicht einfach einen auf Liedermacher machen und es mit Punk verbinden. Da ich aber nun nicht der WDR4 Typ bin lag das mit der Randale eben nahe. Seine Wurzeln legt man ja nie so ganz ab. Will ich erstens auch gar nicht und zweitens, würde das mit meiner Stimme auch nicht funktionieren 😊

„Bullshit Bingo“ heißt dein Werk. Erzähl uns kurz, wie es zu diesem Namen kam?
Chris: Bin die Songs durch gegangen und dann ist es der geworden. Ich meine, es wird jeden Tag so viel Bullshit Bingo da draußen gespielt. Ich muss mich wirklich zusammenreißen, mich nicht jeden Tag mit irgendwelchen Trollen auf dieses Spiel einzulassen. Manchmal erschreckend. Der Titel umschreibt diese Zeiten im Moment für mich ganz gut.

Nach dem release kommen ja die ersten Reaktionen von Freunden, Familie aber auch vielleicht auch Presse. Wie wichtig sind dir Reaktionen und auf welche legst du den größten Wert?
Chris: Also ich glaube Reaktionen findet jeder wichtig der auch ein Werk in die Öffentlichkeit gibt. Die guten Reaktionen sind natürlich die schönsten. Wäre gelogen, wenn man es nicht geil finden würde, wenn die eigene Musik nicht auch anderen gefallen würde. Man muss aber auch damit rechnen, dass es jemanden nicht gefällt. Kann auch ganz böse zerrisse geben. Darf man dann nicht zu nah an sich ranlassen. Letztlich geht es immer nur um den Geschmack des einzelnen. Den größten Wert lege ich aber tatsächlich auf die Meinung meiner Herzdame. Mein größter Fan aber auch mein größter und ehrlichster Kritiker. Sie ist so dermaßen musikalisch und auch Musikbegeistert. Mir wäre viel gute Musik entgangen, wenn wir nicht oftmals ganze Nächte damit verbracht hätten Musik zu hören. Viele Songs auf der CD sind in der jetzigen Version auch nur so drauf, weil sie mir aus einer ganz anderen Sicht noch einen Schubser mit gegeben hat nochmal hier oder da was zu machen.

Über welche Rückmeldung hast du dich am meisten gefreut?
Chris: Ohh ich glaube da habe ich eben schon die Antwort zu gegeben. Uuuups. Aber ich freue mich echt über jede Rückmeldung. Auch über konstruktive Kritik. Ist immer spannend zu hören, was andere Menschen über deine Songs denken.

Erzähl uns etwas, wie die Songs entstanden sind und was dein Debüt dir persönlich bedeutet.
Chris: Jeder Song ist zuhause auf der Couch entstanden. Jedes Ding ist im Ursprung ein reiner Akustiksong. Seit ich dieses Projekt mache schreibe ich auch ganz anders Lieder. Jetzt gibt es zuerst Text, dann Musik. Als Teil einer Band war es sonst immer umgekehrt. Ich bin schon echt stolz auf das Ding. Ich konnte mich einfach nur komplett austoben und dass machen worauf ich Bock hatte und was sich für mich gut anfühlt. Ist manchmal schwieriger, weil die Kreativität von Mitmusikern fehlt. Auf der anderen Seite fühlt es sich auch gut an, wenn wirklich alles von dir kommt. Ist wie auf einem Spielplatz.

„Komm lass uns spielen“ rufst du in dem Titelstück aber sicher werden deine Hörer mit den Punkten, die du da besingst (und mit den Menschen, die dafür verantwortlich sind) nicht spielen wollen. Was denkst du, in der heutigen Zeit, kann man weitere Strophen hier dazufügen oder hast du schon alles auf einen Punkt gebracht?
Chris: Leider Nein. Ich denke man könnte ein ganzes Musical damit füllen. Vielleicht gibt es ja auch irgendwann eine Bullshit Bingo Oper. Es gibt so viele Themen, über die man noch schreiben könnte. Zuletzt ja wieder die ganze Friday for Future / Gretha Debatte. Unglaublich was da wieder abgelassen wird. Dank Internet und sozialen Netzwerken meint halt immer jeder, dass er zu allem etwas sagen muss. Tja und dann geht das Bullshit Bingo wieder los.

Mit „Du bist nicht allein“ bringst due einen echten Ohrwurm, der zwar langsamer ist, aber einiges zu sagen hat. Was ist die Geschichte zu „Du bist nicht allein“?
Chris: Das Lied und vor allem der Text sind mir sehr wichtig. Ein sehr persönlicher Song, welcher entstanden ist als es einem wichtigen Menschen nicht gut ging. Depression ist ein Thema, welches immer noch viel zu viel tabuisiert wird. Betroffene trauen sich kaum darüber zu sprechen. Irgendwie wird oft erwartet das man immer der gut gelaunte Lilalaune Bär ist. Klappt auch manchmal, aber irgendwann ist man auch allein mit seinen Gedanken. Es muss nicht gleich eine Depression sein, aber es gibt einfach Momente im Leben, in denen man sich einfach nur leer und allein fühlt und dabei schnell in ein schwarzes tiefes Loch fallen kann. Scheinbare Kleinigkeiten werden zu tonnenschweren Lasten. Negatives bekommt mehr Gewichtung als tausend schöne Dinge. Es ist wichtig, dass da jemand ist der sich wirklich für dich Interessiert. Für alles was und wie du bist, mit all deinen „Fehlern“. Das es jemanden gibt der dir zuhört oder auch einfach nur mit dir schweigt aber trotzdem an deiner Seite ist. Man muss die Sonnenscheinrolle auch mal ablegen dürfen. Über seinen inneren Scheiß sprechen dürfen. Einfach mal nicht funktionieren. Und was dir nicht gut tut, sortiere aus. Halte dich an die die dir gut tun und dich nicht alleine lassen.

„Bonnie und Clyde“ waren gestern. „Alice und Peter Pan“ dagegen heute. Eine Mordsnummer. Was bedeutet dir das Stück und würdest du den Vergleich zu „Bonnie und Clyde“ zulassen wollen?
Chris: Alice und Peter Pan ist mein ganz persönliches Liebeslied auf dem Album. Ein Lied für mein größtes Glück und auch mein größtes Geschenk. Ich habe nicht nur eine Partnerin für das Leben, sondern auch meinen besten Freund gefunden. Wir sind sowas wie Topf und Deckel. Irgendwie kam die Idee Alice und Peter zusammen zu bringen ganz plötzlich als ich an uns beide dachte und die Strophen in einem Fluss geschrieben habe. Alice steht in meiner Interpretation für eine starke, kluge, mutige und auch feministische Persönlichkeit, welche sich auch mal gegen gesellschaftliche Konventionen auflehnt. Für einen von Grund auf guten Menschen. Nicht immer das machen was man muss, sondern was man will und für richtig hält. Und deswegen passt das so gut. Der Fantasie Räume lassen und Träume (er)leben spielt eine große Rolle. Ebenso, dass man sich auch immer eine etwas kindliche Sicht auf die Welt bewahren sollte. Darin liegt in meinen Augen ein Stück Freiheit. Etwas was man im erwachsenen Leben ganz schnell verliert und alles viel zu ernst nimmt. Auch sich selber. Man legt sich dadurch selbst Ketten an. Die Welt ist bunt, wenn man es auch zulässt sie so zu betrachten. Würden wir alle die Welt aus Kinderaugen sehen, dann gäbe es sehr viel weniger Probleme auf diesem Planeten. So wie Peter Pan, der in Nimmerland nie erwachsen wird und durch Fantasie und Glaube alles erreichen kann. Unterm Strich bedeutet der Song für mich einfach, dass ich mit meiner Liebe an meiner Seite alles erreichen kann, alle Hürden überwinden und jeden Kampf im Leben aufnehmen kann. Alles wird sich immer zum guten wenden, weil wir zusammen daran glauben und den gleichen Weg gehen. Das wir zusammen Träumen und damit auch Berge versetzen können. Das wir auch zusammen wie Kinder lachen und uns über Kleinigkeiten riesig freuen können. Der Vergleich zu Bonny und Clyde liegt natürlich nahe. Es geht ja um Zusammenhalt und unverbrüchliche Liebe. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass diese Geschichte auch u.a. 14 ermordete Menschen beinhaltet und durch Filme und Songs auch etwas romantisiert wurde. Da fehlt mir die Identifikation zu unseren Persönlichkeiten. Ich möchte nicht mit meiner Frau ewig auf der Flucht sein und nach ein paar Jahren im Kugelhagel sterben, sondern mit 80 immer noch gemeinsame Träume haben und wie ein Kind gemeinsam lachen können. Wir machen es wie Alice und Peter Pan es machen würden, wenn die beiden endlich mal jemand zusammenbringen würde. Da hatten wir schon mehr Glück.

Darauf trinken wir ist natürlich ein Hit. Auch auf YouTube Video kann man hiervon ein Video sehen. Natürlich hast du nicht alles erwähnt, auf wen man trinken kann. Auf welche drei Personen möchtest du einen trinken und wo vergeht dir der Durst?
Chris: Ich möchte einen trinken auf:
– Auf die Frauenrechtlerin Sandra Norak. Eine unfassbar mutige und bewundernswerte Frau.
– Russ Lowell der durch die Erfindung von Gaffer Tape die Welt gefestigt hat
– Auf Batman
Ich lass mir den Durst nicht nehmen. Da würde es zu viele Gaulands, Weidels, Trumps, Erdogans usw. geben.

„Bandsalat“ beschreibst du ein großes Problem in der Welt für YouTube, Spotify, Facebook, … Was hat sich in der Welt und auch in der Musikwelt durch die Digitalisierung geändert?
Chris: Man hat heute eine ganze Flut an Informationen. Ebenso halt auch eine Flut an zugänglicher Musik. Man kann sich jeden Tag erschlagen lassen an Musik und neuen Veröffentlichungen.
Ich habe es geliebt, etliche Stunden Mixtapes aufzunehmen. Ich habe damals einige 100 Tapes gehabt. Wir haben Musik hin und her getauscht und wir haben es genossen, wenn man etwas neues von einer Punkband hatte, die noch niemand bisher kannte. Heute macht man sich Playlisten und klickt von einem Lied zum anderen. Für mich als Musiker hat das Internet Vorteile. Es bietet mir heute größere Möglichkeiten die Aufnahmen zu verbreiten. Das war damals schon schwerer. Wer aber Geld mit Tonträgern verdienen möchte, hat schon ein bisschen die Arschkarte.

Bleiben wir bei „Bandsalat“. Früher hat man Mixtapes angefertigt. Welche 10 Künstler würdest du auf einem Mixtape versammeln, welche Songs würden dir einfallen und wie würdest du dein persönliches Mixtape benennen?
Chris: Es würde heißen: Chris THE SOUNDTRACK.
Slime – Zusammen
White Buffallo – Come join the murders
Sondaschule – Durch deine Augen
Broilers – Alles was ich tat
Johnny Cash – Hurt
Eddie Vedder – Society
Muse – Resistance
Placebo – Bosco
Ferris MC – Amok
The Prodigy – Breathe

Auch live stehst du hier und da auf der Bühne. Die Rock `n` Roll Butterfahrt hast du auch gespielt. Was sind deine persönlichen Highlights im „Leben auf der Bühne“?
Chris: Poah finde ich immer eine schwierige Frage. Also auf dem Schiff zu zocken in Richtung Butterfahrt war schon ziemlich einmalig. Vor allem wenn eine Schiffsirene ein Battle mit dir anfängt .Auf der Butterfahrtbühne direkt, stand ich leider noch nicht. Das wäre noch ein kleiner Traum. Vielleicht erfüllt Fabsi mir diesen Traum ja irgendwann noch 😊 Ansonsten war das Ding mit Liedfett schon echt geil. Ach ja… Vor etlichen Jahren mit painwords als Support für die Kassierer als man mich mit einem Maßkrug beworfen hat. Das war so Scheiße, dass sich die Geschichte total eingeprägt hat und ich sie immer wieder gerne erzähle.

Die Songs auf dem Album sind mit Band gut spielbar. Überlegst du mehr mit Band zu machen oder spielst du lieber alleine mit Gitarre bewaffnet?
Chris: Da muss man immer schauen was sich ergibt. Denke der Hauptbestandteil wird darin bestehen alleine zu spielen. Das hat halt seinen ganz eigenen Charme und möchte ich nicht mehr missen. Man ist da auch flexibler. Mit Band wird es aber sicher auch immer wieder mal geben. Macht halt auch Spaß und habe mit Daniel und Matt zwei sehr geile Menschen dabei mit denen das gut funktioniert. Ganz liebe Grüße an die beiden an dieser Stelle.

Wo kann man dich in naher Zukunft live sehen und was sind die weiteren Pläne?
Chris: Am 11. Januar spiele ich auf dem Acoustic Festival in Düsseldorf. Ansonsten ist da noch nichts weiter spruchreif. Habe mich aber auch noch nicht intensiv um Gigs bemüht. Mache derzeit extra mal eine kleine Auszeit, da ich jetzt 2 Jahre doch fast durchgehend irgendwo gezockt habe.

Mit wem würdest du gerne mal zusammenspielen?
Chris: Mit Johnny Cash, aber das wird wohl schwer. Würde mich aber auch breit schlagen lassen mal die Hosen zu supporten. Ach es gibt viele Bands und Künstler die ich geil finde und mit denen ich gerne mal spielen würde. Das würde das Interview hier total sprengen.

Du arbeitest in einem Plattenladen. Sicher kann man die CD dort und wo bekommt man diese noch?
Chris: Das ist richtig. Bekommt man bei uns in Düsseldorf im Rainking Recordstore und bald auch bei Steini03 in Gerresheim. Dann liegt der Silberling natürlich an jedem Merchstand auf meinen Konzerten und wartet dort auf ein neues Zuhause. Ansonsten einfach via Facebook oder Mail bei mir melden. Alles läuft in kompletter Eigenregie, deswegen gibt es hier keine großen Vertriebswege. Kein CD Player? Auf Spotify, Napster, Youtube Music, Deezer usw. gibt es auch Bullshit Bingo.

Bitte vervollständige die folgenden Sätze.
Randale sind…:
Chris: …laut.

„Du bist so 1933“ ist für mich…:
Chris: …beängstigend.

Punkrock 2019 ist…:
Chris: …nicht tot.

2020 wird Chris van der Düssel…:
Chris: …sich ordentlich einen reinblistern.

Wir sind mehr, aber…:
Chris: …manchmal viel zu leise.

Was bedeuten dir die folgenden Begriffe?
Vorbilder
Chris: Habe ich ehrlich gesagt nicht. Ich wollte nie sein wie jemand oder klingen wie XY.

Düsseldorf
Chris: Zuhause.

Sucht nach Meer
Chris: Rock´n´Roll Butterfahrt.

Musikprojekt Anna
Chris: Herzensprojekt zu einem wichtigen Thema. Aufklärung über die sogenannte Loverboy Methode.

Tough Magazine
Chris: Danke dass es immer noch so bekloppte gibt die uns Plattformen geben und auch unbekannte Musik supporten. Ganz wichtig für den Underground.

Vielen Dank für das Interview. Die letzten Worte gehören euch.
Chris: Ahoi Ahoi Ahoi Ahoi Oi Oi Oi….
Prost, Cheers, Nastrovje.

Interview von Thorsten

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