Arrested Denial im Interview

Zum Release ihres neuen Albums „Nirgendwo angekommen“ haben wir uns mit Arrested Denial zusammengesetzt. Im Interview geht es um acht Jahre Entstehungszeit, zähe Phasen, DIY-Recording, klare politische Haltung, Feature-Gäste wie Tex (Slime) und Steff (Alarmsignal) sowie den Blick nach vorn – inklusive der anstehenden Livepläne für 2026.

1.  Moin ihr Lieben. Zunächst erst einmal würde ich gerne wissen, wie es euch geht?! Zur Info, euer neues Album „Nirgendwo angekommen“ ist vor kurzem erschienen.

Valentin: Danke für die Info 😉! Alles im Lot soweit bei uns. Wir haben zwar ganz gut zu tun momentan, aber so langsam wird es positiver Stress. Neues Album draußen, nächstes Jahr also wieder viel live spielen. Das sind doch ganz gute Grundbedingungen.

2. Acht Jahre hat es gedauert, bis ihr die neuen Songs letztendlich so fertigstellen konntet, wie ihr sie euch vorgestellt habt. Kann man das so sagen? Ursprünglich war das Album für 2021 geplant, oder?

Valentin: Ob wir das letztlich so fertig gestellt haben, wie wir es uns vorgestellt haben, kann ich wahrscheinlich erst in 1-2 Jahren beantworten, ich brauche da immer etwas Abstand. Aber ja, es hat doch etwas gedauert, als irgendwann mal geplant.

3. Es war eine zähe Phase – so beschreibt ihr die letzten Jahre. Was ist passiert und welche Pläne hatte das Leben mit euch?

Valentin: Wir haben uns nach dem Release der letzten Platte 2017 drei Jahre lang den Arsch abgespielt. Erst eine China Tour, dann 2 Support Touren mit den Street Dogs und den Angelic Upstarts in Europa, dazu noch viele Einzelshows und Weekender. In der Zeit war also erstmal nicht viel mit Songwriting, da wir ständig unterwegs waren. Wir machen das ja nach wie vor hobbymässig neben unseren regulären Jobs und da bleibt dann einfach keine Zeit mehr über. Ab 2020 ging es dann erst so richtig in die Planungs- und Songwriting-Phase, aber irgendwie kamen da dann auch ständig privater Shit und sonstige unvorhergesehene Ereignisse dazwischen, so dass es sich doch ganz schön gezogen hat. Würde hier jetzt den Rahmen sprengen, vielleicht verfilmen wir das ja eines Tages mit uns in den Hauptrollen. Wir haben also nicht volle 8 Jahre gebraucht, um die Song zu schreiben und aufzunehmen, es waren eher andere Dinge, die dazwischen kamen.

4. Könnt ihr den Augenblick oder die Wochen beschreiben, als es dann wieder losging? Wie habt ihr festgestellt, dass ihr bereit seid, um das Album aufzunehmen?

Valentin: Wir haben bereits mit den Aufnahmen angefangen, bevor alle Songs fertig geschrieben waren, das hat sich über einen längeren Zeitraum überschnitten. Für die Schlagzeugaufnahmen sind wir für 4 Tage in ein Studio bei Bremen, den Rest haben wir nach und nach in Eigenregie aufgenommen. Einen klaren Startpunkt für die Recordings im Sinne von „So, jetzt nehmen wir das Album innerhalb der nächsten 3 Wochen auf“, gab es also nicht, somit gab es da auch keine erhöhten Gefühlsausbrüche, die wir dazu beschreiben könnten. Wir haben mit den Recordings angefangen, als klar war, dass 90% der Songs komplett geschrieben sind. Konnte ja keiner ahnen, dass danach dann nochmal 1-2 unvorhergesehene Problembären aufkreuzen und uns aushebeln. Aber hat am Ende ja doch alles geklappt, nur eben geringfügig verzögert.

5. Wie liefen die Aufnahmen ab? In was für einem Zeitraum ist die Platte entstanden?

(s. Antwort zu Frage 4)

6. Zum Songwriting: Klare Haltung, direkte Texte und sehr viel Gefühl stecken in den Zeilen. Könnt ihr beschreiben, wie bei euch aus ersten Gedanken komplette Songs werden?

Valentin: Ich schreibe bei uns ja die Songs. Das ist mal so und mal so. Ich arbeite eigentlich permanent an Textideen oder schreibe mir bestimmte Dinge, die ich gerne noch sagen möchte, erstmal als reine Prosa auf. Die Musik schreibe ich komplett separat, habe dabei aber ab und an auch schon eine grobe Vorstellung, in welche Richtung das inhaltlich und damit auch stimmungsmäßig gehen soll. Den fertigen Song lasse ich dann erstmal etwas liegen, höre ihn mir 2-3 Wochen später wieder an und schaue, was er mit mir macht und was für Bilder die Musik bei mir erzeugt. Klingt jetzt etwas esoterisch, ist aber so. Mit der jeweiligen Gemütslage schreibe ich dann den Text. Was im Normalfall auch schnell mal 3-4 Wochen dauert, weil ich immer wieder Pausen einlege, um es wieder mit Abstand betrachten zu können.

7. Steff (Alarmsignal) und Tex (Slime) sind bei je einem Song mit am Start. Wie kam das zustande und wie wichtig waren oder sind euch die beiden Personen? Und waren die beiden auch schon vor vier Jahren eingeplant?

Daniel: Das ist alles im Prozess der Aufnahmen so entstanden. Tex haben wir alle gemeinsam mal mit seiner Solo-Akustik-Geschichte live gesehen. Das hat uns ziemlich umgehauen, was er da musikalisch und auch inhaltlich abgeliefert hat. Deswegen haben wir ihn einfach mal gefragt, ob er bei einem Song auf der Platte mitmachen will. Er hat dann relativ bald zugesagt und hat sich die zweite Strophe des Songs vorgenommen und noch mal komplett auf seinen Style umgeschrieben. Das war das erste Mal, dass Valentin sich auf so eine Text-Kooperation eingelassen hat. Das Ergebnis spricht für sich. Die unglaubliche Stimme von Tex und seine völlig anderer Flow geben dem Song noch mal eine zusätzliche Dimension. Steff von Alarmsignal kannte Valentin schon etwas länger – ohne dass er wusste, dass das Steff von Alarmsignal ist. Die beiden hatten sich eigentlich immer nur über Reisen und so Sachen unterhalten. Und Steff war auch schon länger Fan von uns, ohne dass er uns das gesagt hätte. Als das dann aber mal geklärt war und weil er außerdem ein unglaublich netter Kerl ist, war das eigentlich eine sehr naheliegende Wahl für ein weiteres Feature. Steff war auch beim Videodreh dabei, das hat richtig Spaß gemacht.

8.  Das Album sollte, wie schon erwähnt, ganz ursprünglich 2021 erscheinen. Welche Unterschiede zu 2025 habt ihr festgestellt? Sei es in den Texten oder auch bei der Musik? Welche Songs waren als Demo schon im Ordner?

Daniel: Puh, das ist gar nicht so einfach, das jetzt nach so langer Zeit noch mal zu rekonstruieren. Ich glaube, “Nichts zu bereden”, “Auf all den Lärm” und “Mauern” waren die ersten Songs. Im Prinzip zwei Songs gegen Nazis und einer gegen Gentrifizierung. Da muss ich leider aus der Perspektive von 2025 feststellen, dass bei diesen Themen nicht nur nichts besser geworden ist, sondern dass gerade der Aufschwung der Rechtspopulisten und Rechtsextremen seit damals enorm an Fahrt gewonnen hat. Von daher haben die Songs heute fast noch eine höhere Relevanz als 2021 – auch wenn vielleicht das eine oder andere Ereignis, auf das in den Texten Bezug genommen wird, jetzt schon etwas länger her ist.

9.  Hamburg und Gentrifizierung – gibt es Orte, die euch wichtig waren und jetzt bereits verschwunden sind? Was kann man dagegen tun und wie sehr ihr die Zukunft bei all dem Wahn?

Daniel: Leider gibt es einige dieser Orte, die heute weg sind. Ich vermisse etwa die Kogge, das war eine richtig schöne Punkrockbar unten in der Ecke Hafenstraße. Und das Schlimmste ist ja eigentlich, dass auch noch bestehende Institutionen wie Hafenklang und Molotow ständig um ihre Existenz kämpfen müssen. Die standen beide mehrfach kurz vor dem Aus, wurden aber durch Spendenaktionen zumindest vorübergehend gerettet. Ich denke, das ist auch das Beste, was wir gegen das Aussterben dieser Orte tun können: Uns solidarisieren, spenden und vor allem: Zu den Konzerten und Partys gehen. Diese Läden – und viele andere in Hamburg – sind elementar wichtig für kleine Bands und neue Künstler*innen, für die Szene allgemein. Die müssen wir supporten, wo immer wir können. Ansonsten wird das irgendwann mal eine ganz traurige Mallorca-Ballermann-Nummer hier.

10. Was fällt euch spontan zu folgenden Worten ein:

Valentin:

a. Mauern – Bester Gesang auf der Platte. Leider nicht von mir.

b. Kommerz – Wird in unserer Szene oft zu schnell gerufen, daher bin ich da eher zurückhaltend.

c. Ankommen – das dürfte noch etwas dauern

d. Live-Konzerte – Rumkommen, coole Leute kennenlernen, neue Städte, stabile Locations, nette Shows spielen. Prio 1 bei Arrested Denial.

e. Timo (wenn zu persönlich, bitte weglassen) – ein ganz großartiger Mensch und ein herber Verlust für sehr viele Menschen, dass er so plötzlich und viel zu früh gegangen ist.

f. Zukunft – die war noch nicht, daher kann ich aktuell noch wenig dazu sagen

11. Vielen lieben Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Gerne dürft ihr noch was loswerden!

Wir freuen uns sehr auf das Konzertjahr 2026, da sind schon einige coole Sachen dabei. Los geht’s mit unseren Releasepartys: 10. Januar mit Flick Knives und Kitty Coaster im Goldenen Salon vom Hafenklang in Hamburg. Und 17. Januar mit Die Ausreden im Wild At Heart in Berlin. Kommt rum!

Dieser Artikel wurde am: 4. Januar 2026 veröffentlicht.

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