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Interviews

Veröffentlicht am: April 10th, 2020 | durch Florian Puschke

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„Allemann oben“: Georg Zimmermann im Interview

„Du musst Zimmermann werden.“ So steht es auf einer Info-Karte von Georg Zimmermann. Und sicher ist da etwas Wahres dran. Denn irgendwie sind wir ja alle ein wenig Zimmermann. Zumindest können wir alle uns in vielen der Songs des guten Georg wiederfinden. Songs, die einzuordnen sind in eine Mischung aus Blues, Punk, Folk und Rock – Musik. Gerade wenn man sich noch die Texte, die einen gewissen Charme von Liedermachern oder auch Element of Crime haben, dazu zählt. Auf seinen drei Alben „Allemann Oben Allemann Unten“ (Weirdsounds, 2019), „Von Männern und Menschen“ (Supermusic, 2015) und „Schreibmaschine“ (Alive/Supermusic, 20119 überbringt uns Georg Geschichten aus dem Leben oder auch aus dem Geschichts- bzw. Satirebuch. Gute Texte mit eingängigen Songs sind vielleicht auch gerade das, was in der derzeitigen Corona-Krise irgendwie noch mehr Gehör finden sollte als sonst. Ich jedenfalls weiß, dass ich (auch nach der Krise) die drei Alben des Düsseldorfer Musikers noch oft hören werde. Sehr gefreut habe ich mich, als Georg Zimmermann zugestimmt hat, dem Tough Magazine einige Fragen zu beantworten.

Hey Georg. Schön, dass Du dir Zeit fürs Tough Magazine nimmst. Wobei erwischen wir dich gerade?
Georg: Hallo, danke für die Einladung zum Interview! Ehrlich gesagt habe ich gerade Leerlauf. Der hat aber auch sein Gutes, so langsam staut sich was an für die nächsten Lieder. Allerdings wissen wir ja gerade gar nicht, wie sich alles entwickeln wird.

Für Leute, die dich noch nicht kennen. Beschreib dich und deine Musik in drei Stichwörtern und erklär, warum du genau diese Stichwörter genommen hast.
Georg: Dann nehme ich: Blues, Punk, Lyrik. Blues, weil sich diese Musik oft unbemerkt durch so viele andere Arten von Musik zieht und auch bei mir immer wieder durchschimmert. Punk – Ich mag Musiker, die machen, was sie machen, ohne dass sie sich darum kümmern, ob sie das auch „ordentlich“ machen. Bei mir ist oft auch einiges etwas stümperhaft – aber es funktioniert für mich. Lyrik, weil ich finde, dass gerade in der deutschen Musik oft der Mut und vielleicht auch die Ideen fehlen, sich intensiv mit Sprache und Poesie auseinanderzusetzen.

Man kann deine Musik als Mischung aus Blues, Punk, Folk und Rock beschreiben. Wie entstehen deine Songs?
Georg: Am Anfang kann ein Thema stehen, zum Beispiel ein Erlebnis oder auch gesellschaftliche Themen. Oft habe ich aber auch einen Rhythmus oder ein Riff, das mir besonders gefällt und ich versuche dann sozusagen die Zimmermann- Version davon zu erstellen. Ich sammle gerade zum Beispiel viele Ideen beim Hören von Proto-Punk-Bands.

Welche Bands und KünstlerInnen bezeichnest du als deine Vorbilder?
Georg: Schwierig zu sagen, weil sich das oft ändert. Ich habe früher sehr viel Beatles und britische Musik gehört, das hat sich stark gewandelt. Ich mag aktuell die Geschichten und Entwicklungen rund um die New Yorker Bands der 60er und 70er Jahre. Was immer geht sind die Klassiker: Hendrix, Neil Young, Bowie, Lou Reed. Du hast aber auch nach KünstlerInnen gefragt: Dann zähle ich Martin Kippenberger, Bert Brecht und Heinrich Heine auch zu meine Vorbildern. Entschuldige meinen Ausbruch an Namen…

Sehr wichtig sind natürlich auch deine Texte. Woher nimmst du deine Inspiration? Was ist dir bei einem Text besonders wichtig?
Georg: Mir ist es wichtig, dass ich ausdrücken kann, was mich bewegt ohne dass es platt wird. Ich versuche immer darzustellen, wo die Ursachen liegen, welche Widersprüche es gibt. Das führt dazu, dass ich meine Wortwahl und meine Gedankengänge ständig verwerfe, ändere und verdichte. Häufig lasse ich Texte liegen und kürze später große Teile – vieles hält der Zeit nicht stand.

Deine Alben heißen „Allemann Oben Allemann Unten“, „Von Männern und Menschen“ und „Schreibmaschine“. Welches dieser Werke ist für dich das wichtigste? Welches gibt dich am ehesten wieder?
Georg: Keines davon. Alle waren wichtig für mich und zu jeder Zeit habe ich Einflüsse und Ideen untergebracht, die mir wichtig erschienen. Aber ich lebe lieber in der Gegenwart, das neueste ist da immer das beste, finde ich. Aber: Mir gefallen alle drei Alben immer noch, obwohl man natürlich merkt, dass es eine Entwicklung gibt. Anders wäre es ja furchtbar! Man hört ja in seinen eigenen Sachen immer alle Fehler und davon gibt es auf allen Alben eine Menge. Zum Glück.

Schon allein deine Songtitel machen Lust, die Stücke zu hören. Auf deiner ersten Scheibe erwartet uns mit „Diktatur der geraden Kurven“ so ein ausdrucksvoller Titel. Was ist für dich grundsätzlich Freiheit und an welcher Linie beginnt für dich gerade die Diktatur?
Georg: Die Idee stammte von einem Beitrag über Hundertwasser, den ich im Radio gehört hatte. Ich bin nach Hause gekommen und hab sofort aufgeschrieben, was mich daran so fasziniert hat.
„Freiheit“ ist ja ein riesiger Begriff und ich finde dass hinter der „Freiheit“, die hier so oft propagiert wird, eine krude Ideologie steckt. Die Freiheit in Deutschland gilt nur für die, die sie sich auch leisten können. Und gerade im Vergleich mit dem Rest der Welt wird dies jetzt in der Corona-Krise auch wieder sehr deutlich. Anders herum gesagt: Man frage mal einen Mädchen im Armen-Viertel einer afrikanischen Hauptstadt, was für sie denn Freiheit bedeutet. Diktatur auf der anderen Seite ist für mich mit der Verfolgung von Minderheiten verbunden, der Entrechtung von Menschen und mit willkürlicher Polizeigewalt – und auch mit Zensur.

„Alles was ich kann“ heißt ein Song auf deinem Debüt. Was ist die Geschichte hinter diesem Stück?
Georg: Um ehrlich zu sein, das ist meine kleine Version von Falco´s „Jeanny“. Ich fand es spannend, dass da jemand so explizit über Entführung singt – und vor allem aus Sicht des Täters. Ich finde es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass jeder Mensch dazu in der Lage ist, schlimme Dinge zu tun… umgekehrt natürlich auch Gutes. Im Moment gibt es ja zum Beispiel die alltägliche Entscheidung zwischen Heldentum und Hamstern.

Gerade zu „Alles was ich kann“ möchte ich nachhaken. Du bist jetzt 10 Jahren in der Branche. Du hast drei Alben veröffentlicht. Was würdest du bei den ersten Songs heute anders machen?
Georg: Ganz im Ernst – ich würde beispielsweise „Alles was ich kann“ nicht nochmal aufnehmen. Obwohl er bei Auftritten mit Band immer super kam – ich spiele ihn aber nicht mehr. Also scheint der Text der Grund zu sein, dass ich ihn nicht mehr aufnehmen würde. Vielleicht ist mir die Idee mittlerweile zu abwegig. Bei vielen Songs würde ich aus heutiger Sicht einiges an der Produktion ändern. Aber wie gesagt: Das hatte alles schon seine Berechtigung.

„Von Männern und Menschen“. Kommen wir da zu einem Ruhrpottkollegen. Deiner Meinung nach „Wann ist man ein Mann?“ Und unter welchen Umständen gilt „Der Mensch heißt Mensch“ für dich?
Georg: Grönemeyer – den habe ich als Kind oft gehört. Was er mit dem Lied wollte, habe ich nie ganz verstanden. Heute vielleicht schon eher, aber als Kind fand ich wohl eher die Rhythmik gut. Heute würde ich sagen: Ein Mann ist ein Mann, wenn er vergessen kann, dass er einer ist. Da fällt mir wie so oft auf: Das könnte man von einer Frau erst recht sagen, eigentlich noch viel eher!
Und der Mensch ist, wie oben schon gesagt, zu allem fähig. Ich glaube, wir könnten so vieles ändern – der Wille muss da sein. Oder, wie eine weise Frau mal sagte: Wenn sich nix ändert, geht es den Menschen wohl noch nicht schlecht genug.

„Der letzte Held der Welt“ heißt eine Nummer auf diesem Album. Was ist der Hintergrund dieses Stücks und wer sind für dich heutzutage „Helden der Welt“?
Georg: In dem Lied ging es eigentlich um das tragische Ende von Ernest Hemingway… Dann traf ich einen guten Freund von mir, der war in Afghanistan im Einsatz und er hat mir erzählt, wie Soldaten und Soldatinnen den Krieg mit nach Hause bringen, und sie danach in der Heimat niemand mehr versteht. Das passte toll in das Lied. Witzigerweise hab ich ein Jahr später die Geschichte „Soldier´s Home“ gelesen, die hat das gleiche Thema und war wiederum von … Hemingway. Da merkt an aber schon, dass ich den Begriff des Helden eher fragwürdig finde, wie im Lied.

Auch Dein neues Album hat viele gute Songs am Start und einige zynische Texte. In „Soupe Allemande“ singst du über „Haarmann“ mit seinem „Hackebeilchen“. Erzähl uns kurz die Geschichte, die dich zu diesem grandiosen Text gebracht hat.
Georg: Das Lied ist ein Cover des „Haarmann“-Lieds. Das ist wiederum eine Cover-Version des Lieds „Warte nur ein Weilchen, dann kommt auch das Glück zu dir“ – Ein wahnsinnig gut geschriebenes Stück aus den 20ern. Die Idee bei mir ist die Rache des deutschen Michels an seinen Parteien: Alle landen im Suppentopf. Aber wer meine Version des Liedes zu Ende hört wird dann hören: Das Endergebnis gefällt dem Deutschen dann auch nur so halbwegs…

KONSUM – ein Stück das nachdenklich macht. „Gott ist nicht tot, er ist nur anders zu nennen.“ Was denkst du über unsere Konsumgesellschaft? Kann man diese mit solchen Songs bekehren?
Georg: Das Wort „bekehren“ gefällt mir… Musik kann ja etwas Religiöses haben. Ich glaube, Musik unterhält eher, als dass sie etwas verändern kann, aber das ist immer Spekulation. Ich wollte in dem Lied beschreiben, wie der Konsum in uns allen lebt – und dass das nicht viel anders ist, als zum Beispiel im Mittelalter der Glaube an Gott. Beides hat in meinen Augen die Funktion ein System am Laufen zu halten.

Konsum, aber auch Kommerz scheint ein Thema zu sein, dass dir eine Plattform bietet. „Traum – Kummer / Kommerz“ auch ein Stück vom neuen Album, das nachdenklich macht. Du schreibst „Ich habe die Erleuchtung als Cocktail geschlürft“. Was ist dein Ziel mit Zeilen wie diesen?
Georg: Die Zeile geht ja weiter: „… das Alphabet wie einen Hund angeleint. Das Oben und Unten verfluchen – Wie dumm kann ich sein?“ Vielleicht beschreibt das Lied meinen eigenen Platz in dieser Gesellschaft des Kommerz. Aber ich nehme mich da auch selbst als Dummkopf auf den Arm, wenn auch eher auf melancholische Art.

Durch die derzeitige Corona Krise ändert sich einiges im Musikbusiness. Wie macht sich die Krise für dich bemerkbar?
Georg: Ich finde es natürlich sehr schade, dass viele Konzerte ausfallen. Und ein wenig Geld geht mir da auch verloren. Aber vor allem fällt die Zusammenarbeit mit anderen Musikern auf der Bühne oder im Studio leider flach. Dass Musiker schon vorher schlecht verdient haben, ist eine andere Frage. Aber wenn man sich die Gesellschaft so ansieht – es gibt viele Menschen, die es noch viel härter trifft, natürlich auch in Deutschland! Man muss nur vor die Tür gehen.

Welches sind deine zukünftigen Projekte? Hast du schon neue Songs in der Pipeline?
Georg: Ich bastele an Song-Ideen. Ich habe aber gerade am meisten Spaß an verschiedenen Gitarrensounds. Mal sehen, wohin mich das so bringt. Ich hoffe, dass ich nach Corona wieder live spielen darf!

Bitte vervollständige die folgenden Schlagzeilen.
„Georg Zimmermann wird 2020…
Georg: …noch Sport treiben.“

„Schreibmaschinen werden…
Georg: …unterbewertet.“

„Die Bundeskanzlerin…
Georg: ist wie Pudding.“

„Der Liebhaber des Jahres 2020…
Georg: …muss schlau sein.“

„Du musst Zimmermann werden, denn…
Georg: …es führt kein Weg daran vorbei.“

„Rivalen der Rennbahn…
Georg: …sind wir alle.“

Was bedeuten dir die folgenden Begriffe?
Allemann oben
Georg: Der erste Teil des Titels meines dritten Albums

Allemann unten
Georg: Der zweite Teil – die gehören zusammen!!

Wut
Georg: Die Wut und der Zorn müssen unserer Vernunft zur Hand gehen.

Corona Krise
Georg: Spült den ganzen Unrat unserer Gesellschaft nach oben.

Tough Magazine
Georg: Hat tolle Interviews und Rezensionen , aber auch gute Hörbuch- und Literatur-Empfehlungen zu bieten!

Vielen Dank für das Interview. Die letzten Worte gehören dir!
Georg: Vielen Dank für Eure Zeit – das Interview hat Spaß gemacht! Ich wünsche allen gute Gesundheit!

Wir vom Tough Magazine bedanken uns bei Georg Zimmermann für ein sehr spanendes Interview. Wer mehr über Georg, den Podcast und nähere Infos haben möchte, dem empfehlen wir (ebenso wie die Platten) die Homepage von Georg Zimmermann.

Interview von Thorsten

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