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Interviews

Veröffentlicht am: Juni 13th, 2021 | durch Florian Puschke

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„2020 im Schlafanzug besiegt“: Sebel im Interview

Mit „2020 im Schlafanzug besiegt“ ist das neue Album von Sebel erschienen. Wir haben uns mit dem Musiker über die aktuelle Situation, das neue Album und kommende Planungen unterhalten.

Hallo Sebel. Vielen dank dass du dir die Zeit für ein Interview nimmst. Wobei erwischen wir dich gerade?
Sebel: Die Arbeit an meinem Album „2020-imSchlafanzug besiegt“ ist gerade abgeschlossen und hat mich wunderbar durch den Winter getragen. Ich habe jetzt wieder mehr Zeit für andere Dinge und hoffe, dass das Pandemiegeschehen sich in eine gute Richtung entwickelt, sodass wir einen schönen Sommer erleben dürfen. Ich bin wieder mehr draussen, schraube an meinen Oldtimern und an meinem Segelschiff herum, geh Fahrrad fahren oder mit dem Hund spazieren. Wieder ein bisschen weniger Musik, und etwas mehr „normales“ Leben ist gerade bei mir angesagt

Für Leser*innen, die dich noch nicht kennen. Wer oder was ist Sebel 😊?
Sebel: Ich bin Singer/Songwriter und Musiker aus dem Ruhrgebiet, schreibe deutsche Songs und habe bereits 4 Alben veröffentlicht. Ich spiele aber auch als Musiker für viele andere Künstler, habe z.B. viel mit „Alligatoah“ gespielt und bin seit fast 15 Jahren in der Band des deutschrockers „Stoppok“.

Worin unterscheidet sich das Album vom schon großartigen Vorgänger „Windstärke 10“?
Sebel: Für mich klingt alles etwas rougher und handgemachter auf „2020“. Auf „Windstärke 10“ sind einige Songs, die sehr „radiotauglich“ produziert sind, etwas poppiger sind.
Beim neuen Album habe ich einfach mal wieder ausschließlich das gemacht, was mir Spaß macht. Habe teilweise ungewöhnliche Songstrukturen in den Songs, habe bei der Produktion bewusst viel „Dreck“ in den Aufnahmen gelassen und am Ende alles total „radiountauglich“ gemischt. Ich wollte ein paar neue Wege für mich gehen, Sachen ausprobieren, mich weiterentwickeln, mir aber weiterhin treu bleiben. In meinen Ohren ist mir das geglückt!

Wie kam es zu dem Titel?
Sebel: Das Jahr 2020 war für mich ein sehr schwieriges Jahr, aber auch ein sehr kreatives und lehrreiches! Aus einer großen Langeweile heraus entstehen oft die kreativsten Dinge. Nach dem großen Studioprojekt rund um den Song „Zusammenstehen“ im März/April 2020, habe ich, wie viele andere auch, den Sommer entspannt mit schönen Dingen verbracht, wie Segeln am Ijsselmeer. Raus aus der Jogginghose und hoffen, dass die Pandemie überstanden ist! Pustekuchen! Als es gegen Oktober wieder kälter wurde, und ein erneuter Lockdown vor der Tür stand, hatte ich erstmal keine Idee wie ich mich beschäftigen soll. Da ich den Luxus habe in meinem Studio, zwischen vielen alten Instrumenten und Bandmaschinen, zu wohnen, war klar, dass ich die Zeit nur vernünftig nutzen kann, wenn ich an neuer Musik arbeite. Ich habe dann quasi die ganzen 3 letzten Monate des Jahres in meiner Wohnung/Studio verbracht und muss sagen, dass es eine unglaublich intensive und schöne Zeit war. Wann hat man schonmal die Möglichkeit so intensiv und ohne Ablenkungen, so fokussiert zu arbeiten? Ich habe in dieser Zeit fast ausschließlich Musik gemacht, gegessen, getrunken und Zigaretten geraucht. Irgendwann fängt man an seine Schlafanzughose einfach den Tag über anzulassen. Wofür auch ne Jeans anziehen??
Die Zeile „2020-im Schlafanzug besiegt“ ist aus dem Titelsong „2020“, indem ich mich auch textlich mit dem befasse, was dieses verrückte Jahr mit einem gemacht hat und immer noch macht. Fragen wie: was ist mir eigentlich wichtig, was brauch ich wirklich, wer ist mir wichtig, werden nicht nur in „2020“ gestellt, sondern ziehen sich wie ein roter Faden durch viele der Songs des Albums. Deswegen der Titel! Mit der Arbeit an diesem Album habe ich 2020 wirklich in meinem Schlafanzug besiegt!

Warum nimmst du deine Musik auf Bandmaschinen auf, und mit Instrumenten, die teilweise über 70 Jahre alt sind?
Sebel: Das hat 2 Gründe. Einerseits ist es eine Soundfrage. Für meine Hörgewohnheiten ist das einfach der Sound, den ich liebe und der einfach sofort da ist, wenn man mit den alten Geräten arbeitet. In der digitalen Welt gibt es tausende von Plug-ins und Programme, die genau das versuchen zu emulieren. Leider (oder Gott sei Dank!) ist das Original immer noch um Längen voraus. Eine analoge Aufnahme ist nach wie vor druckvoller, wärmer und hat mehr Charakter. Wenn ich meine alte Hammondorgel von 1946 anschmeiße, bekomme ich eine Gänsehaut, das hat bis heute kein Plug-in geschafft.
Zum anderen ist es die Arbeitsweise, die mir gefällt. Das Aufnehmen auf Bandmaschinen bringt einen wieder dahin, wie Musik eigentlich wahrgenommen werden sollte. Mit den Ohren und mit dem Herzen. In der digitalen Aufnahmetechnik gehen diese Sinne leider mehr und mehr verloren, da man Musik nur noch als Waveform auf seinem Bildschirm war nimmt. Außerdem tut es gut sich zu limitieren. Ich habe 24 Spuren zu Verfügung, danach ist Schluss! Ich muss einen Song oft in einem durchspielen oder durchsingen und ich habe keine Möglichkeit meine Fehler anschließend mit ein paar Mausklicks zu beheben. Also muss ich gut sein und versuchen die Dinge auf den Punkt zu bringen. Am Computer kann sich heutzutage jeder zu einem virtuosen Instrumentalisten oder einem tollen Sänger editieren!

Warum gibt es „2020-im Schlafanzug besiegt“ erstmal nur als CD und Vinyl, und nicht als Download oder Streaming?
Sebel: Ich stecke jedes Mal so viel Energie und Herzblut in meine Alben, mache fast Alles selber, bis hin zum finalen Coverdesign, und ich möchte das die Leute das Produkt mit der nötigen Aufmerksamkeit würdigen. Neue Musik sollte man nicht mal eben zwischen Abwasch und Einkauf konsumieren, mal eben schnell reinhören ob es einem auch gefällt. Musik bekommt eine ganz andere Aufmerksamkeit, wenn du dich freust sie endlich in den Händen zu halten, wenn du dir Zeit nimmst die Platte aufzulegen und dabei durchs Booklet blätterst und ihr auch mal ne 2. Oder 3. Chance gibts. Ich boykottiere die Streamingdienste nicht völlig, ich höre auch selbst viel über Spotify, doch ich möchte erstmal, dass die Leute sich für das Produkt interessieren, in das ich so viel Herzblut reingesteckt habe. In einen Tonträger!

Ist „2020-imSchlafanzug besiegt“ wirklich eine komplette „One-Man Show“ von Sebel?
Sebel: Zum allergrößten Teil ja. Da ich das große Glück habe so viel Instrumente spielen zu können, ist es wirklich ein großer Segen, dass ich alles „Lenny Kravitz-mäßig“ selbst komponieren und einspielen kann. Normalerweise mache ich gerne mit anderen Leuten zusammen Musik, das ist in Pandemiezeiten jedoch schwierig. Ich habe also die Hauptinstrumente selbst gespielt und wieder selbst produziert und gemischt, wie bei meinem allerersten Album von 2001. Nur das Cello und ein paar Gitarren kommen von Freunden. Alles in Allem hatte ich schon lange nicht mehr so viel Spaß beim Produzieren. Man muss so halt auch weniger diskutieren und kann das machen, was man wirklich im Kopf hat. Beim Schreiben der Songs habe ich mich diesmal für 4 Songs mit meinem Freund „Alligatoah“ zusammengetan und ich bin total geflashed was herauskommt, wenn sich ein Rapper und ein Rock n Roller kreativ zusammentun. Ich finde wir haben da gerade textlich ein paar sehr schöne Sachen zusammen kreiert. Auch die Musikvideos, die ich irgendwann mal veröffentliche, habe ich komplett selber gedreht und geschnitten.

Es gibt auf dem Album viele starke Songs. Wie entscheidest du dich für Single-Auskopplungen?
Sebel: Ich weis gar nicht ob ich eine Single auskoppeln werde. Es ist ein Album und soll auch so verstanden werden. Ich habe auch bewusst zu allen Songs ein Musikvideo produziert. Vielleicht kristalisiert sich nochmal der ein oder andere Song als Kanditat für ein Single raus, doch zunächst liegt mein Hauptaugemerk darauf zu kommunizieren, dass es ein Album ist.

Einer meiner Favoriten ist das starke „Stalingrad“. Was hat dich dazu gebracht, diesen Song zu schreiben?
Sebel: Ich schaue mir viele 2. Weltkriegs Dokus im Fernsehen an und hab mich schon immer für diesen Teil unserer Geschichte interessiert. Die Bilder wirken oft so surreal und total weit weg! Doch das ist Alles gar nicht so lange her. Das waren unsere Großeltern! Ich frage mich dann oft wie es überhaupt dazu kommen konnte. Was wäre wenn ein Teil des großen Puzzels nicht gepasst hätte, wenn das Schicksal es nur an einem Tag anders gemeint hätte!? Ich finde das eine interessante Frage.

Auch „Dumme an die Macht“ hat einen starken Text. Kannst du die Frage, die du hier stellst „Wo sind die Denker geblieben?“ beantworten?
Sebel: Sie sind unter uns! Sogar mehr denn je, und schlauer als jemals zuvor! Leider verschaffen sich die „Dummen“ mehr Gehör, weil sie meist lauter sind, und sich besser vermarkten können. Das ist leider in den letzten Jahren in Mode gekommen. Gerade die sozialen Medien sind meiner Meinung nach extrem voll von „Nichtskönnern“, „Schwaflern“ und „Lügenbaronen“. Einzig und allein die Vermarktung zählt. Dieses Phänomen spaltet unsere Gesellschaft ernom und ich würde mir wünschen, dass die „Denker“ wieder mehr Gehör finden, denn sie sind da! Nur eben leiser!

„Moderne Märchen“ ist vom Text eine recht wütende Nummer. Was war der Hintergrund dieses Stücks?
Sebel: Ich finde sie gar nicht so „wütend“. Ich schreibe hier eher mit „stolz“ über einige meiner Superheldenkräfte, die leider etwas aus der Mode gekommen sind. Ich habe in meinem Leben wirklich schon sehr viel erlebt und habe mich für viele Dinge interessiert und versucht sie zu perfektionieren. Ich bin immer schon „Niedrigstapler“ gewesen, und habe nie damit geprahlt.
Der Ansporn mal darüber einen Song zu schreiben, kam auch eher von einem Kumpel der sagte: „ey was du alles kannst?! Unfassbar! Darüber musst du einen Song machen!“
Viele wissen nicht, dass ich mal ein sehr angesagter Fotograf war, dass ich über 50 Musikvideos produziert habe, Werbemusik und Werbespots produziert habe, Windsurfer, Wellenreiter, Segler und Skifahrer bin, einen VW Bus mit einem Kugelschreiber reparieren kann, mich selbst zum Barista ausgebildet habe, sehr gut kochen kann, und durch viele Länder der Welt mit einem Rucksack gereist bin. Das ich mal Fallschirm gesprungen bin, und mal ein Flugzeug selbst geflogen bin. Ich bin ein super Heimwerker, ein guter Tontechniker, und habe für einige Tourneen als Lichtmann für div. Künstler gearbeitet. Ich habe lange Zeit behinderte Menschen betreut, war mal DJ in einer Disco und habe im Lockdown das Brotbacken perfektioniert.
Nur um mal ein paar Dinge zu erzählen…

Die Corona Krise scheint momentan auf dem Rückzug. Hoffnung am Horizont. Planst du das Album auf die Bühne zu bringen?
Sebel: Wir Künstler vermissen den Kontakt zu unseren Mitmusikern und dem Publikum sehr und wir alle hoffen, dass es bald wieder möglich ist. Natürlich freue ich mich darauf auch die neuen Song live zu spielen.

Nach der CD ist vor… Was sind deine kommenden Projekte?
Sebel: Zunächst geht es bald wieder darum Live zu spielen. Ich habe jetzt sehr lange allein in meinem Studio verbracht und war kreativ und freue mich wieder auf die Bühne! Ich habe ein paar Projekte in meinem Studio mit anderen Künstlern für dieses Jahr geplant, ansonsten lass ich die Dinge mal auf mich zu kommen!

Was bedeuten dir die folgenden Begriffe?
Deutschsprachige Rockmusik Vs Deutschrock:
Sebel: Schubladendenken!

Tourleben:
Sebel: Das beste was es gibt auf der Welt.

Stoppok:
Sebel: Ein Freund, ein Weggefährte, ein Vorbild, ein wahnsinnig guter Musiker

Social Media:
Sebel: Leider wichtig heutzutage, aber total lästig.

Recklinghausen:
Sebel: Freunde, Heimat, Zuhause, mein Kreativzentrum.

Idole:
Sebel: Wichtig zu haben, aber auch wichtig immer zu erweitern!

Corona:
Sebel: Jahrhundert-Naturkatastrophe, Tot eines geliebten Menschen.

Tough Magazine:
Sebel: Noch nie gelesen, noch nie was von gehört! Sorry!

Dafür aber jetzt. Vielen Dank für das Interview. Die letzten Worte gehören dir!
Sebel: Ich verspüre gerade einen unglaublichen Heißhunger auf einen Döner und werde mir einen genehmigen! Danke fürs Interview! Sebel

Interview von Thorsten im Mai 2021

Foto: www.facebook.com/Martin-Huch-Photography

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